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Betrüger fluten Youtube mit KI-Songs – Nutzer feierns

Elena Hatebur
Elena Hatebur

Bern,

Ein paar Klicks genügen, und schon singt Rihanna Lieder, die sie nie aufgenommen hat. KI-Musik überschwemmt derzeit die Streamingplattformen – mit Erfolg.

KI-Songs
Auf Youtube und Co. sind vermehrt Songs zu finden, die mithilfe von künstlicher Intelligenz produziert wurden. - Pexels

Das Wichtigste in Kürze

  • Im Internet erscheinen immer mehr KI-Songs, die lebende Künstler imitieren.
  • Dass es sich dabei gar nicht um den echten Künstler handelt, ist vielen nicht bewusst.
  • Es sind klare Fälle widerrechtlicher Persönlichkeitsverletzungen, so ein Medienrechtler.
  • Das Problem: Die Songs kommen beim Publikum sehr gut an.

Ähnlich sind sie auf jeden Fall – und wenn man nicht genau hinhört, dann fällt's auch gar nicht auf.

Die Rede ist von Musik, die mithilfe künstlicher Intelligenz (KI) nachgeahmt wurde. Auf YouTube und Co. tauchen immer mehr solche Songs auf.

Und so hören wir Lieder von angeblich Rihanna, Adele oder Damian Marley.

Vielen fällt dabei gar nicht auf, dass die KI mitspielt. Erstaunlich: Wer es merkt, feiert den Song sogar noch ab. Ein User schreibt zu einem Song von «Adele»: «KI gerät ausser Kontrolle. Ich kann gar nicht glauben, wie geil dieser Song ist. Und zugleich nervt es mich sehr.»

Zu einem Song, der angeblich von den Superstars The Weeknd und Dua Lipa stammt, schreiben Nutzer ungläubig: «Wenn das KI ist, ist es überragend.» Aber man traut der Sache nicht: «Ich hoffe, die Künstler sind beim Konzept mit an Bord.» Ein weiterer User schreibt: «KI ist magisch.» Der Song hat (Stand Montag) schon 1,3 Millionen Klicks.

Achtung, KI! Der Song, der von den Superstars The Weeknd und Dua Lipa stammen soll, kommt sehr gut an.

Popsongs werden auf Algorithmen optimiert

Für den KI-Experten Mike Schwede ist der Fall klar: «Viele Popsongs wurden in den letzten Jahren stark auf die Algorithmen von Spotify optimiert und auf den Durchschnittshörer.» Viele würden den Unterschied gar zu KI nicht merken, sagt er gegenüber Nau.ch.

Und doch: «Die Qualität wird immer besser, obschon man es gerade bei Gesang aktuell noch hört.»

Ohnehin hänge die Wahrnehmung auch immer sehr mit der Situation zusammen. Als «Hintergrundgedudel» während der Arbeit oder in Geschäften sei kein anspruchsvolles Hören nötig. «Da reicht KI völlig», so Schwede.

«Auch sonst ist KI in vielem gut. Aber nicht in kreativen Disziplinen.» Heisst: KI kann aus bestehenden Songs neue kreieren. Aber nicht grundlegend Neues erfinden.

Ein zentrales Problem sei auch, dass die Modelle mit Copyright-Material trainiert würden. Es handelt sich dabei also um rechtlich geschütztes Material.

Recht an der eigenen Stimme

Der Zürcher Rechtsanwalt Martin Steiger erklärt auf Anfrage von Nau.ch: «Auf den ersten Blick handelt es sich um klare Fälle widerrechtlicher Persönlichkeitsverletzungen.»

Denn: «Aus schweizerischer Sicht stehen das Recht am eigenen Namen, am eigenen Bild und an der eigenen Stimme im Vordergrund.» Das zähle zum Persönlichkeitsschutz. «Bei Musik kann ausserdem insbesondere auch das Urheberrecht betroffen sein.» Denn die KI-Songs sind angepriesen mit Namen und KI-Bild der Superstars. Die KI-Stimme versucht, die Originalstimme zu imitieren.

Zu betonen ist aber auch: «Eine Anwältin oder ein Anwalt würde aber vor einem rechtlichen Vorgehen immer die Rechts- und Sachlage im Einzelfall sorgfältig abklären.»

Medienrechtler: «Erwarte vermehrt rechtliche Schritte»

Deren Auftragslage dürfte sich in Zukunft wohl weiter verbessern. Denn: KI-generierte Musik werde immer mehr zu einer ernsthaften Konkurrenz für Künstler. Kein Wunder, wenn sie so gut beim Publikum ankommen.

Dagegen dürften sich Künstler wie Rihanna und Dua Lipa bald wehren.

«Insofern erwarte ich vermehrt solche rechtlichen Schritte», sagt Steiger. «Ich gehe von hohen Erfolgschancen aus.»

«Die tatsächlichen Erfolgschancen müssen aber in jedem Einzelfall sorgfältig abgeklärt werden», betont der Anwalt. Denn der Sachverhalt und die Rechtslage würden sich je nach Land unterscheiden.

Hörst du schon KI-Musik?

Bekannte Künstler hätten aber, im Fall von Youtube, normalerweise einen guten Draht zu Google als Betreiberin. Das Unternehmen geht schon seit Jahren mit dem «Content ID»-System gegen mutmassliche Urheberrechtsverletzungen vor.

Künstler und die Musikindustrie sollten gemäss Steiger in der Lage sein, ihre Rechte gegenüber Google und anderen Plattformen «wirksam durchzusetzen».

«Die Qualität hat Massentauglichkeit erreicht»

Auch für die Musikproduzenten ist die KI schon jetzt ein Begleiter im Arbeitsalltag. Philipp Schnyder, Festivalleiter m4music beim Migros-Kulturprozent, sagt: «Man kann das als Gefahr oder Chance sehen.»

Die Veränderung sei bereits voll im Gang. Dass die KI-Rihanna aber bald die echte ersetzt, glaubt Schnyder allerdings nicht. «Es wird immer ein Bedürfnis nach Musik geben, die eine stark menschliche Komponente hat.»

Produktion Musik
«Gewisse Berufsfelder in der Musik werden Einbussen erleben», sagt ein Musikproduzent. KI ist dort längst keine Seltenheit mehr. - keystone

Trotzdem hat diese Entwicklung Auswirkungen auf die Branche. «Gewisse Berufsfelder in der Musik werden Einbussen erleben», betont Schnyder.

Denn klar ist schon jetzt: «Die Qualität hat Massentauglichkeit erreicht.» Viele Menschen würden selbst mit KI-Musik experimentieren wollen – und erschaffen sich so nach Lust und Laune «eigene» Musik.

Möglichkeiten, mit KI Musik zu produzieren, gebe es viele. «Vom Hilfswerkzeug bei Details einer weitgehend menschgemachten Produktion bis zum simplen Prompt», sagt Schnyder. Dieser liefere sofort ein ganzheitliches Resultat «aus der Maschine».

Frage nach der Qualität ist längst entschieden

Eine deutlich radikalere Einschätzung vertritt hingegen der Produzent, Songwriter und Tech-Inventor David May.

Für ihn ist die Frage nach der Qualität von KI-Musik längst entschieden, wie er gegenüber Nau.ch sagt.

Bei einem Grossteil könne der durchschnittliche Hörer «nicht mehr erkennen, ob es von einem Menschen oder einer Maschine produziert wurde».

Hörer kaufen das Gefühl, nicht den Künstler

Dass viele Hörer KI-Songs trotzdem streamen oder sogar feiern, überrascht ihn deshalb nicht. «Die Leute kaufen nicht den Künstler. Sie kaufen das Gefühl.»

Würdest du dir einen eigenen KI-Song erstellen, wenn du könntest?

Emotionen in der Musik seien oft weniger an die Person hinter einem Lied gebunden als viele glauben. Vielmehr würden Tempo, Harmonien oder die Klangfarbe einer Stimme direkt auf das Belohnungssystem des Gehirns wirken.

«Das Herz reagiert zuerst, und der Verstand zieht danach nach», sagt May. Genau deshalb könne auch eine Maschine emotionale Reaktionen auslösen.

Echte Künstler könnten noch wertvoller werden

An eine vollständige Verdrängung menschlicher Musiker glaubt aber auch er nicht.

«Ich glaube, dass sich der Markt eher aufteilt als zusammenbricht.» Vor allem Hintergrundmusik, Werbejingles oder Playlists zum Lernen und Arbeiten dürften zunehmend von KI produziert werden.

Suno
Tools wie Suno machen es heute ganz einfach möglich, KI-Songs selber zu erstellen. (Im Bild: Suno-CEO Mikey Shulman) - keystone

Gerade deshalb könnten echte Künstler sogar noch wertvoller werden. «Die Leute zahlen solche Summen nicht für Hintergrundgeräusche. Sie zahlen sie für die menschliche Geschichte, die Identität, das, was man nicht vortäuschen kann.»

May nennt beispielsweise die milliardenschweren Katalogverkäufe von Künstlern wie The Weeknd oder Queen.

Technische Hürde existiert praktisch nicht mehr

Klar sei aber auch: Die technische Hürde existiere praktisch nicht mehr. «Tools wie Suno und Udio verwandeln einen Textabschnitt innerhalb weniger Minuten in einen fertigen Track.»

Die entscheidende Frage sei deshalb nicht mehr die Technologie selbst, sondern die Zustimmung der Künstler. So, wie es ein User bereits beim Song von Dua Lipa erhoffte.

Die Stimme einer lebenden Künstlerin wie Rihanna oder Adele zu klonen und als die eigene auszugeben, sei «etwas ganz anderes».

May bekräftigt: Konzerte und Festivals boomen seit Jahren. Hörerinnen und Hörer würden immer noch «echte» Künstler sehen wollen.

Kommentare

User #1676 (nicht angemeldet)

Hörer kaufen das Gefühl, nicht den Künstler? Sagt bloss die Swift Fans gehen wegen der Musik dorthin.

User #3497 (nicht angemeldet)

Soso sie fluten…. Was für eine Gossensprache.

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