Gefahr für Lunge: Beliebte Küchenplatten weltweit in Verdacht

Simon Ulrich
Simon Ulrich

Bern,

Beim Bearbeiten von Quarzkomposit kann gefährlicher Staub entstehen. Teils ist bereits vom «neuen Asbest» die Rede.

Küchenplatten
Beim Schneiden und Schleifen von Quarzkompositplatten kann Silikastaub freigesetzt werden. Suva und Branche setzen auf Nassverfahren, Absaugung und Atemschutz. - unsplash/pexels

Das Wichtigste in Kürze

  • Quarzkomposit ist beliebt, gerät aber wegen Silikose-Risiken in Kritik.
  • Die Suva kennt in der Schweiz bisher keine anerkannten Fälle aus Küchenplatten.
  • Silikose gibt es dennoch: Jährlich werden rund 35 Fälle gemeldet.

Sie sehen aus wie Marmor oder Granit, sind aber oft günstiger und pflegeleichter: Küchenarbeitsplatten aus Quarzkomposit. In vielen modernen Küchen sind sie beliebt. Doch international geraten sie zunehmend in die Kritik.

Der Grund: Werden solche Platten geschnitten, geschliffen oder poliert, kann feiner Quarzstaub entstehen. Wird dieser eingeatmet, kann er Silikose auslösen – eine unheilbare Lungenkrankheit.

In Australien wurde sogenannter Engineered Stone deshalb bereits verboten. In Kalifornien wird ein Verbot diskutiert. In Grossbritannien warnen Ärzte vor einer wachsenden Zahl von Fällen. Teils ist bereits vom «neuen Asbest» die Rede.

Doch wie sieht es in der Schweiz aus?

Suva meldet bisher keine anerkannten Fälle

Die Suva gibt auf Anfrage vorerst Entwarnung. Bislang seien «keine Fälle von Silikosen in Zusammenhang mit der Bearbeitung von Quarzkomposit-, Kunststein- oder Küchenarbeitsplatten gemeldet und anerkannt worden».

Verschwunden ist Silikose hierzulande aber nicht. Der Suva werden laut Sprecherin Regina Pinna-Marfurt jährlich rund 35 Fälle gemeldet. Knapp 20 pro Jahr werden als Berufskrankheit anerkannt.

Zudem beobachte die Suva im Schnitt «etwa vier bis fünf Todesfälle im Zusammenhang mit Silikosen pro Jahr».

Die Krankheit trifft die Betroffenen oft spät. Laut Suva liegt das Durchschnittsalter bei der Anmeldung typischerweise bei etwa 60 Jahren.

Die Todesfälle ereignen sich meist erst im Rentenalter. «Gleichwohl ist die Todesursache oft eine langfristige Folge der Silikose», sagt Pinna-Marfurt.

Steinverarbeitung rückt stärker in den Fokus

Auffällig ist eine Verschiebung in der Statistik. Früher stammten viele anerkannte Fälle aus dem Bauhauptgewerbe. Inzwischen rückt die Steinverarbeitung stärker in den Fokus.

In den Jahren 2021 bis 2024 wurden in dieser Risikoklasse 41 Fälle anerkannt. Im erweiterten Bauhauptgewerbe waren es 19.

Diese Zahlen bedeuten aber nicht automatisch, dass es in der Steinverarbeitung plötzlich deutlich mehr Erkrankungen gibt.

Die Suva verweist darauf, dass die Risikoklasse «Steinverarbeitung» Anfang 2019 neu definiert wurde. Dabei wurden Betriebe aus dem Bauhauptgewerbe in diese Klasse verschoben – etwa Betriebe, die Naturstein abbauen, bearbeiten oder renovieren.

Steinverarbeitung
Während die Gesamtzahl der anerkannten Silikosen relativ konstant bleibt, beobachtet die Suva eine Verschiebung vom Bauhauptgewerbe hin zu der – von den Beschäftigtenzahlen her viel kleineren Steinverarbeitung. - pexels

Auch der Naturstein-Verband Schweiz relativiert die Entwicklung. Geschäftsführer Jürg Depierraz schreibt, die Zahlen seien aus zwei Gründen einzuordnen. Einerseits wegen dieser Umteilung durch die Suva.

Andererseits habe der Verband Kenntnis davon, «dass es sich bei den ausgewiesenen Silikose-Fällen auch um ‹importierte› Silikose-Fälle handelt».

Gemeint sind Beschäftigte, die viele Jahre im Ausland in entsprechenden Berufen gearbeitet haben und später in der Schweiz erfasst werden.

Verband verweist auf sinkenden Anteil

Quarzkompositplatten seien zwar seit Jahren Teil des Angebots im Küchenbereich, sagt Depierraz. Gemäss Mitgliedern sei der Anteil solcher Platten aber «schon seit längerer Zeit rückläufig».

In Schweizer Betrieben würden solche Platten nach geltenden Sicherheitsvorgaben bearbeitet. «Nassschneideverfahren und Absauganlagen sowie der Einsatz von persönlicher Schutzausrüstung (PSA) sind heute Standard», sagt Depierraz.

Küchenarbeitsplatten würden in der Regel im Werk zugeschnitten und auf der Baustelle montiert.

Betriebe müssen Staub direkt absaugen

Auch die Suva nennt klare Schutzmassnahmen. Schneiden und Schleifen müsse gemäss Herstellerangaben nass erfolgen. Dazu brauche es Atemschutz mit P3-Filter und eine Schutzbrille.

Bei Anpassarbeiten vor Ort müssten die Geräte den Staub direkt an der Quelle absaugen. Staubablagerungen seien feucht zu entfernen.

Hast du schon einmal von der Lungenkrankheit Silikose gehört?

Zusätzliche Kontrollen plant die Suva derzeit nicht. Die betroffenen Betriebe bearbeiteten bereits andere quarzhaltige Materialien und würden im Rahmen von Stichproben kontrolliert und beraten, sagt Pinna-Marfurt.

Ganz vom Tisch ist das Thema damit aber nicht.

Ärzte warnen vor unerkannten Erkrankungen

Die Schweizerische Gesellschaft für Arbeitsmedizin schreibt: Es sei «durchaus denkbar, dass nicht alle Erkrankungen früh erkannt und dem zuständigen Unfallversicherer gemeldet werden».

Denn Hausärzte stellten «nicht immer den Bezug zum beruflichen Umfeld her», sagt Co-Präsidentin Barbara Schindler.

Auch das Berner Inselspital hält fest, Silikose sei weiterhin eine relevante berufsbedingte Lungenerkrankung. Im klinischen Alltag sehe man sie heute zwar nur noch selten, was wesentlich auf Schutzmassnahmen zurückzuführen sei.

Insbesondere die Bearbeitung von Quarzkomposit- und Kunststeinplatten verdiene aber Aufmerksamkeit, weil dabei lungengängiger kristalliner Silikastaub freigesetzt werden könne.

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Kommentare

User #5284 (nicht angemeldet)

Schweizer sind recht dämlich, was den Umgang mit Krebsrisiken angeht.

User #5395 (nicht angemeldet)

Mein Vater war Dachdecker und fräste Jahre lang Eternit und das ohne Maske, war zu der Zeit noch nichts bekannt für gefährlich, wir Goofen standen neben der Staubwolke und leben noch, mein Vater wurde 92 Jahre alt.

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