«Kalari Kid»: Ein leiser Dokumentarfilm über Selbstbehauptung
Das Berner Regieduo Maria Kaur Bedi und Satindar Singh Bedi erzählt von Mädchen und Frauen im Süden Indiens, die in der traditionellen Kampfkunst Kalari Selbstvertrauen finden – mit einer Ruhe, die manchen Alltagsszenen eine spielfilmhafte Intimität verleiht.

In Kerala im Süden Indiens leben die neunjährige Arushi und die 21-jährige Milena. Arushi trainiert mit Begeisterung, obwohl ihre Mutter ihr immer wieder einschärft, Kalari nicht ausserhalb des Trainings einzusetzen. Milena verlässt ihr Elternhaus, um eine Ausbildung zur Krankenpflegerin zu beginnen, obwohl sie eigentlich gerne in der Landwirtschaft gearbeitet hätte.
Beide suchen ihren Platz in einer Gesellschaft, in der weibliche Freiheit immer wieder an unsichtbare Grenzen stösst. Die Geschlechterforscherin Dr. Malavika Binny wiederum spricht über patriarchale Strukturen und Frauenrechte in Kerala, während sie parallel auch aus ihrer eigenen Erfahrung erzählt.
Erzählung in kleinen Gesten
Ein Dokumentarfilm über Kampfkunst könnte leicht zu einem Film über spektakuläre Choreografien werden. «Kalari Kid» schlägt einen anderen Weg ein. Er lebt von der Beobachtung. Es gibt keine Stimme aus dem Off, kaum Einblendungen und nur wenige Momente, in denen das Geschehen ausdrücklich kommentiert wird. Stattdessen verweilt die Kamera bei den Protagonistinnen, spielt mit Licht, Farben und Details und lässt Alltagsszenen für sich sprechen. Wenn Arushi ihrer Mutter trotzig einen kleinen Ellbogenstoss versetzt oder Milena im Studentenwohnheim ihren neuen Mitbewohnerinnen spontan Selbstverteidigung beibringt, entsteht eine Intimität, die vielen Szenen die Anmutung eines Spielfilms verleiht. Beziehungen und Konflikte werden dabei oft in kleinen Gesten sichtbar, statt erklärt zu werden.
Diese Bildsprache gehört zu den grössten Stärken des Films. Die Trainingsszenen wirken stellenweise weniger wie Kampfsport als vielmehr wie ein Tanz, ein Ritual aus Konzentration, Disziplin und Körperbeherrschung. Traditionelle Musik verstärkt diesen Eindruck und verleiht den Auftritten der jungen Frauen insbesondere gegen Ende eine beinahe heroische Note. Besonders das Finale mit Arushi bleibt in Erinnerung: Nachdem ihr die Teilnahme an einem Kalari-Festival zunächst verboten wird, darf sie doch noch auftreten und überzeugt auf der Bühne.
Leben mit der Bedrohung
Über dem Film, der ab dem heutigen Donnerstag im Kino zu sehen ist, schwebt zugleich ständig die Bedrohung sexualisierter Gewalt. Arushi lernt den Unterschied zwischen «guten» und «schlechten» Berührungen, Milena erzählt von der Unsicherheit, der Krankenpflegerinnen im Berufsalltag begegnen können. Konkrete Gewalterfahrungen bleiben jedoch ausgespart. «Kalari Kid» interessiert sich weniger für eine umfassende Analyse der Gewalt gegen Frauen in Indien als für das Leben jener, die lernen, sich in dieser Realität zu behaupten.
Gerade darin liegt die besondere Perspektive des Films – und auch seine Grenze. Wer sich eine vertiefte gesellschaftliche Einordnung oder ein höheres Erzähltempo wünscht, könnte manche Zusammenhänge als zu wenig ausgeführt empfinden. Dafür gelingt «Kalari Kid» etwas anderes: Er zeichnet ein stilles, sorgfältig beobachtetes Porträt junger Frauen und zeigt, wie Kalari ihre Selbstbestimmung im Alltag beeinflusst.*
*Dieser Text von Anais Sommer, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.






