Tierpark Bern: So rettet man eine Tierart vor der Ausrottung
Wie rettet man eine Tierart vor der Ausrottung? Die im Verein Zoo Schweiz organisierten Tiergärten haben kürzlich im Tierpark Bern ihr Engagement aufgezeigt.

Neben der Forschung, dem Naturschutz und der Bildung bildet der Artenschutz eine der Säulen bei den Aufgaben moderner, wissenschaftlich geführter Zoologischer Gärten. Um Letztere der Öffentlichkeit näher zu bringen, hatte der Verein Zoo Schweiz, dem unter anderem auch der Zoo Zürich angehört, kürzlich zu einer Medienkonferenz in den Tierpark Bern eingeladen.
Hauptziel des Artenschutzes in Zoos ist laut Karin Federer, Direktorin des ebenfalls zu Zoo Schweiz gehörenden Walter Zoo in Gossau SG, der Erhalt und Aufbau von Reservepopulationen in Tierparks. «Und zwar insbesondere jener Arten, die in der Natur bereits in irgendeiner Form in ihrem Bestand bedroht sind.»
Severin Dressen, Direktor des Zoo Zürich, greift dazu in die Zahlenkiste: «Von den rund 800 Arten, die in Schweizer Zoos gehalten werden, sind etwa ein Drittel bedroht. Für 125 dieser Arten ist eine gezielte Erhaltungszucht zentral organisiert.» Etwa in Form eines EEP, eines Europäischen Erhaltungszuchtprogramms.
Dabei koordiniert eine Fachperson die Anzahl der Tiere einer Art oder Tiergruppe in den Zoos. Durch den Austausch von Individuen soll jeweils ein gesunder, genetisch möglichst vielfältiger, altersstruktur- und bedarfsgerechter Bestand aufgebaut beziehungsweise erhalten werden.
Dieser dient einerseits als Ex-situ-Reservepopulation, also als «Versicherung» ausserhalb des natürlichen Lebensraums, bei vielen Arten immer öfter aber auch zur Wiederauswilderung.
Von Zürich nach Thüringen
Zu diesen gehört der Eurasische Luchs, der 1904 in der Schweiz ausgerottet war, inzwischen aber wieder bei uns durch Exemplare mit Ursprung aus anderen europäischen Ländern angesiedelt wurde.
An diesen Auswilderungsprojekten beteiligen sich unter anderem der Wildnispark Zürich und der Tierpark Bern. So wurde erst im August dieses Jahres wieder ein Luchs aus dem Wildnispark Zürich, das Weibchen «Wangari», im Thüringer Wald in Deutschland ausgewildert.

Damit solche Projekte von Erfolg gekrönt sind gelte es, eine Vielzahl an Parametern zu beachten, wie Friederike von Houwald, Direktorin des Tierparks Bern, erklärt.
«Der dafür vorgesehene Lebensraum muss intakt sein. Die Probleme für den Bestandsrückgang müssen gelöst sein. Es braucht eine gesicherte Finanzierung des Projekts. Und es braucht genügend gesunde beziehungsweise geeignete Tiere.»
Weil einige dieser Punkte nicht genügend berücksichtigt wurden, hat man anfangs bei der ersten Auswilderung 1971 Lehrgeld zahlen müssen, was sich teilweise bis heute auswirkt.
So verhindern von Strassen zergliederte und/oder weit voneinander entfernte Lebensräume – in der Schweiz gibt es aktuell nur im Juragebirge und in den Nord- und Zentralalpen etablierte Luchspopulationen – den Austausch im Wildbestand.
«Hinzu kommt, dass nach der bundesrätlichen Bewilligung für eine erste Wiederansiedlung des Luchses in der Schweiz dafür gerade einmal ein bis zwei Paare erlaubt wurden», erzählt Urs Breitenmoser, Katzenexperte bei der Welt-Naturschutzorganisation IUCN. All dies führte zu hochgradiger Inzucht mit dem Resultat genetischer Defekte.

So weisen mehrere Vertreter von Meister Pinselohr ausgerechnet fehlende Ohrmuscheln sowie Herzfehler auf. Die gute Nachricht ist, dass laut von Houwald die Zooluchse wiederum insgesamt «gute Gene» vorweisen, sich in menschlicher Obhut einfach züchten lassen und schnell wieder an ein Leben in der Natur gewöhnen.
So ist die Auswilderung dank den Zooluchsen heute insgesamt ein Erfolg.
Problem Überalterung
Leider hat der Erfolg auch Schattenseiten. Damit der Bestand einer Art in den Zoos nicht zusammenbricht beziehungsweise jederzeit genügend Individuen für Auswilderungsprogramme zur Verfügung gestellt werden können, braucht es eine entsprechende Altersstruktur.
«Nun werden viele Tiere – auch der Luchs – inzwischen in Zoos älter als in der Natur. Statt einer pyramidenförmigen Altersstruktur – viele Tiere vor oder im geschlechtsreifen Alter an der Basis, je älter, desto weniger Exemplare Richtung Spitze – wird die Altersstruktur bei immer mehr in Zoos gehaltenen Arten diamantenförmig. Sprich: Schmale Basis an Jungtieren und eine breitere Mitte mit weniger fortpflanzungsfähigen Exemplaren», erklärt Marcus Clauss, Co-Direktor der Klinik für Zoo-, Heim- und Wildtiere am Tierspital der Uni Zürich.

«Weil die Kapazitäten in Zoos jedoch begrenzt sind, ergeben sich nur zwei Möglichkeiten. Entweder man verhindert, dass sich einzelne Individuen fortpflanzen – womit man ihnen jedoch ein grosses Stück Lebensqualität verweigert. Oder man tötet gezielt Exemplare, um mögliche gravierende Folgen einer Überalterung beziehungsweise eines Mangels an genetischer Vielfalt zu verhindern.»
Auch wenn dies immer das letzte Mittel sei, so sei diese Option dennoch wichtig, um den Artenschutz als eine der Kernaufgaben eines Zoos, weiterhin wahrnehmen zu können.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.








