«Wir haben nicht genügend Freiwillige»
Der Verband ermöglicht Menschen mit Behinderungen Ferien im In- und Ausland. Helena Bigler, Ressortleiterin Procap Reisen & Sport, im Interview.

Das Wichtigste in Kürze
- Auch Menschen mit Behinderungen haben das Bedürfnis zu verreisen.
- Der Verband Procap ermöglicht ihnen Ferien im In- und Ausland.
- Wir haben mit der Ressortleiterin Reisen & Sport über die Herausforderungen gesprochen.
Procap, der grösste Mitgliederverband für Menschen mit Behinderungen in der Schweiz, ermöglicht Menschen mit Behinderungen Ferien im In- und Ausland, individuell und in Gruppen. Procap Reisen feiert 2025 das 30-Jahr-Jubiläum. Wir haben aus diesem Anlass mit Helena Bigler, Ressortleiterin Procap Reisen & Sport, gesprochen.
Nau: Helena Bigler, Procap Reisen wird 30 Jahre alt – ein Grund zum Feiern?
Helena Bigler: Auf jeden Fall. Nur schon den Umstand, dass es uns noch gibt. Wer ein Reisebüro führt, weiss, was das bedeutet. Gerade im Hinblick auf die Coronakrise, die wir zum Glück überstanden haben.
Nau: Sie veranstalten Gruppen- und Individualreisen für Menschen mit physischen und psychischen Behinderungen. Welche Angebote sind besonders gefragt?
Helena Bigler: Die Interessen decken sich mit denen aller Schweizer Reisenden; Badeferien stehen stets hoch im Kurs. Bei unseren Gruppenreisen sind aber auch Wander- und Relaxferien sehr beliebt. Wir bieten auch Städte- und Fernreisen an.
Nau: Welche Destinationen schwingen oben aus?
Helena Bigler: Die Schweiz ist als Destination wohl die wichtigste, gefolgt von Mallorca. Die Insel ist gut erreichbar und günstig. Das ist wichtig, weil Reisen für Menschen mit Behinderungen ohnehin schon teuer sind. Ausserdem ist die Barrierefreiheit auf Mallorca, wie auch auf Teneriffa, bereits vielerorts gewährleistet.
Nau: … womit auch Menschen im Rollstuhl teilnehmen können.
Helena Bigler: Ein wichtiges Kriterium für uns, gerade bei den Gruppenreisen. Allerdings reduziert sich dadurch die Auswahl an Unterkünften. In der Schweiz haben wir weniger als zehn barrierefreie Hotels, die unseren Ansprüchen genügen – und in denen wir auch als Gruppe willkommen sind.

Nau: Es gibt also Hotels, die Ihre Reisegruppen zwar beherbergen könnten, aber nicht möchten?
Helena Bigler: Das ist leider so. Wohl aufgrund von Unsicherheiten, oder wegen Bedenken, dass sich andere Gäste in ihrem Erlebnis gestört fühlen könnten. Etwa wenn wir Gäste dabei haben, die vielleicht vermehrt Laute von sich geben. Dafür habe ich ein Stück weit Verständnis.
Nau: Aber eben nur ein Stück weit.
Helena Bigler: Sind wir doch ehrlich, wann hat man schon eine Garantie auf Ruhe, aufs ungestörte Ferienerlebnis? Gerade war ich privat in Marokko, wo wir spätabends eine Gruppe junger Männer darum bitten mussten, weniger laut zu sein – um überhaupt schlafen zu können. Andere nerven sich ob Kleinkindern.

Nau: Sie wünschen sich also mehr Toleranz von anderen Reisenden …
Helena Bigler: Ich bin manchmal schon erstaunt, dass es Menschen gibt, die in die grosse weite Welt hinausziehen, und sich dann aber sehr kleinkariert geben. Wie beispielsweise die Teilnehmerin einer Carreise, die vom Veranstalter Geld zurückverlangte, da sie die Anwesenheit unserer Gruppe auf ihrer Reise als störend empfand. Dabei sind genau solche Berührungspunkte für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen extrem wichtig.
Nau: Wann nimmt Ihr Verständnis ein Ende?
Helena Bigler: Vor zwei Jahren strandete eine Reisegruppe auf dem Rückweg von Südafrika in München, als wegen eines Wintereinbruchs grosses Chaos im Flugverkehr herrschte. Weil sie als Letzte aus dem Flugzeug gelassen wurden, hatten wir keine Chance mehr auf freie Hotelzimmer. Die Gruppe musste am Flughafen übernachten, diejenigen im Rollstuhl haben auf dem Gepäckförderband geschlafen. Man wusste sich zu helfen.
Nau: Das hört sich ja furchtbar an …
Helena Bigler: Es herrschte kollektives Chaos, die Hotels waren voll, wir hatten Verständnis für die Situation. Die Weiterreise in die Schweiz konnten wir dann selbst mit einem Busunternehmen organisieren, mit dem wir seit Jahren zusammenarbeiten. Zum Glück, wie sich herausstellte. Denn wir wären über Paris umgeleitet worden – ein sehr komplizierter Flughafen.
Nau: Ende gut, alles gut also?
Helena Bigler: Nicht ganz. Die Airline behandelte uns danach, als es um die Rückerstattung und die Deckung der zusätzlichen Kosten ging, wie Luft. Wir mussten sogar unseren Anwalt einschalten.
Nau: Wie hoch ist die Nachfrage nach Ferien mit Procap?
Helena Bigler: Wir können sie gar nicht decken. Viele unserer Reisen aus dem aktuellen Katalog sind bereits ausgebucht, wir führen Wartelisten. Gerne würden wir weitere ins Programm aufnehmen, aber dazu fehlen uns die Ressourcen.
Nau: Woran mangelt es konkret?
Helena Bigler: Wir haben nicht genügend Freiwillige, die unsere Reisen begleiten.
Nau: Was müssen Freiwillige mitbringen?
Helena Bigler: Grundsätzlich suchen wir keine Fachpersonen, sondern einfach Menschen, die offen und reisegewohnt sind. Die etwas Gutes tun möchten. Neben einem gesunden Menschenverstand sind Flexibilität und Kreativität gefragt.

Nau: Da kommen wahrscheinlich schnell Hemmungen ins Spiel. Auch bei Leuten, die sich eigentlich angesprochen fühlen …
Helena Bigler: Unsere Erfahrung zeigt, dass viele Freiwillige am Anfang sehr unsicher sind. Sie kommen aber schnell zu Erkenntnis, dass der Umgang mit unseren Gästen gar nicht so schwierig ist. Vielmehr sind solche Reisen auch für die Begleiterinnen und Begleiter eine extrem bereichernde Erfahrung.
Nau: Was macht ein gutes Reiseziel für Procap aus?
Helena Bigler: Wir betrachten die gesamte Servicekette. Das fängt schon beim Flughafentransfer an: Gibt es rollstuhlgängige Busse, oder müssen wir extra ein zusätzliches Fahrzeug mieten? Fühlen wir uns als Gruppe im Hotel willkommen, oder doch eher nur geduldet? Wichtig ist auch die Umgebung. Was bringt uns ein rollstuhlgängiges Hotel, wenn es auf einem Hügel steht und sich unsere Gäste mit körperlicher Behinderung nicht einmal um das Haus bewegen können.

Nau: Mit Barrierefreiheit allein ist es also längst nicht getan …
Helena Bigler: Menschen mit Behinderungen sind es sich zwar gewöhnt, sich vieles nicht aussuchen zu können. Aber auch sie möchten an attraktiven Orten Ferien machen, wo es etwas zu erleben und zu entdecken gibt. Gerade wer in einer Institution lebt, bewegt sich meistens in einem sehr kleinen Radius, mit sehr kleinem Umfeld. Umso wichtiger ist, dass auch sie die Möglichkeit erhalten, aus ihrem Alltag auszubrechen, neue Gegenden und Menschen kennenzulernen.
Nau: Wie können Sie touristische Player darin unterstützen?
Helena Bigler: Wir kriegen immer wieder zu hören, dass dieses und jenes aus versicherungstechnischen Gründen nicht möglich sei. Nach meinem Empfinden wird das oftmals als Ausrede benutzt. Es ginge schon, wenn man nur wollen würde! Fluggesellschaften transportieren beispielsweise problemlos Golfausrüstungen – bei Hilfsmitteln für Menschen mit Behinderungen gibt es aber oft ein riesiges «Tamtam». Gerade was mobilitätseingeschränkte Reisende angeht, muss sich der Tourismus wegen der alternden Gesellschaft ja sowieso fit machen.
Nau: Wo steht die Schweiz diesbezüglich?
Helena Bigler: Wir kennen die Hotels, die sich für unsere Gruppenreisen eignen, und die Anzahl ist überschaubar. Was ich nach wie vor sehr schwierig finde, ist die Situation mit den Zügen. Es sind längst nicht alle Bahnhöfe und Zugwagen barrierefrei, hinzu kommt, dass man als Rollstuhlfahrer die SBB eine Stunde im Voraus über die geplante Verbindung informieren muss.