Rückstände: 3 Pestizid-Meldungen in 1,5 Wochen – das musst du wissen
Betriebe und die Behörden überprüfen, ob die Pestizid-Grenzwerte eingehalten werden. Warum Warnungen zu Rückständen auch eine positive Nachricht sind.

Das Wichtigste in Kürze
- Der Bund hat vor Pestizidrückständen auf Heidelbeeren, Ingwer und Fenchelsamen gewarnt.
- Die Lebensmittel in der Schweiz sind grundsätzlich sicher – trotz vereinzelten Rückrufen.
- Experten fordern dennoch mehr Kontrollen.
Gleich dreimal innerhalb von anderthalb Wochen schlug der Bund Pestizid-Alarm.
Auf mehreren Produkten fanden sich gesundheitsgefährdende Pestizidrückstände, weshalb das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit (BLV) öffentlich warnte.
Zunächst traf es Heidelbeeren aus Chile bei Aldi Suisse. Bei einer internen Kontrolle wurde der Wirkstoff Phosmet nachgewiesen, der die Funktion des Nervensystems beeinträchtigen kann.
Gut eine Woche später traf es gleich zwei Produkte im Rahmen einer amtlichen Kontrolle. In gemahlenem Ingwer der Marke «Gardenia Grain d'Or» fanden sich Rückstände von Ethylenoxid. Bei Fenchelsamen der Marke «Raaj» fand sich der Wirkstoff Chlorpyrifos.
Sowohl Ethylenoxid als auch Chlorpyrifos können die Krebsbildung begünstigen.
Warnungen verhindern Überdosis
Grundsätzlich gilt: Die Dosis machts.
Die Warnungen des BLV sollen verhindern, dass man gar nicht erst so viele Pestizide aufnehmen kann, dass es gesundheitsschädlich wird.
Drei Meldungen innerhalb von anderthalb Wochen. Und dies, nachdem der Bund fast ein Jahr lang keine öffentliche Warnung mehr wegen Pestizidrückständen herausgegeben hatte. Handelt sich dabei um eine Häufung?
«Nein», heisst es dazu beim BLV auf Anfrage von Nau.ch.
«Die Anzahl der Produktrückrufe und öffentlichen Warnungen ist über die letzten Jahre relativ stabil geblieben», sagt Sprecherin Sarah Camenisch. Das zeige, dass das System der Lebensmittelsicherheit funktioniere.
Sie ergänzt: «Trotz aller Vorsichtsmassnahmen, einer guten Herstellungspraxis und Qualitätskontrollen kann es vorkommen, dass Lebensmittel den rechtlichen Anforderungen nicht entsprechen.»
Der Hersteller muss das Produkt dann aus dem Verkauf nehmen und allenfalls einen Rückruf starten. Dies sei auch in diesen Fällen so erfolgt.
Bund: «Lebensmittel sind grundsätzlich sicher»
Camenisch hält fest: «Lebensmittel, die in der Schweiz auf dem Markt sind, müssen grundsätzlich sicher sein und dürfen die Gesundheit nicht gefährden.» Die Lebensmittelbetriebe müssen das gewährleisten und kontrollieren.
Und: «Mit einer gesunden und abwechslungsreichen Ernährung mit verschiedenen Lebensmitteln können Konsumenten zusätzlich dazu beitragen, die Aufnahme allfälliger Pestizidrückstände zu reduzieren.»

Neben den Kontrollen der Lebensmittelbehörden führen die Kantonschemikerinnen und Kantonschemiker Labortests im Auftrag des Bundes durch.
Der Zürcher Kantonschemiker Martin Brunner erklärt gegenüber Nau.ch: «Wir schauen dorthin, wo am ehesten Abweichungen von den gesetzlichen Vorgaben zu erwarten sind.»
Produkte von ausserhalb der EU oft stärker kontaminiert
Aufgrund dieser Ergebnisse könne man keine generellen Aussagen zur Qualität von Lebensmitteln treffen.
Brunner weist darauf hin, dass Kontrollen im Rahmen einer überkantonalen Kampagne erfolgen. «Darum kann es sein, dass Massnahmen zu einzelnen Sachverhalten oder Lebensmittelkategorien zeitlich ‹gehäuft› bekannt werden.»
Das sei dann aber der jeweiligen Kampagne geschuldet, die Kontrollen in einem bestimmten Bereich vornahm.
Datenerhebungen und Monitoring-Programme seien zwar nicht im Zuständigkeitsgebiet der kantonalen Labore. «Aufgrund unserer Beanstandungsquote kann aber festgestellt werden, dass diese bei importierten Produkten höher ist.»
Dabei zeige sich auch, dass importierte Produkte von ausserhalb der EU häufiger beanstandet werden.

2024 fand das kantonale Labor Zürich am häufigsten Pestizidrückstände bei Gemüse wie Spargelbohnen, Chili, Frühlingszwiebeln, Wasserspinat, Auberginen und Küchenkräutern. Sowie bei Früchten wie Rambutan und Passionsfrüchten, Gewürzen und Reis – insbesondere aus Asien.
Expertin fordert mehr Stichproben, doch das hilft nur bedingt
WWF-Landwirtschaftsexpertin Eva Goldmann sieht die aktuellen Pestizid-Grenzwerte kritisch. «Vielfach sind Grenzwerte nicht spezifisch für bestimmte Stoffe entwickelt, sondern generell festgelegt», sagt sie zu Nau.ch.
Viele dieser Werte stammen aus einer Zeit, als tiefere Rückstände noch nicht messbar waren. Dank besserer Nachweismethoden wurden einige Grenzwerte inzwischen gesenkt.
Goldmann betont zudem, dass viele Stoffe erst Jahre nach ihrem Einsatz als problematisch erkannt werden. «Am Beispiel der PFAS sehen wir, dass wir uns oft Stoffen aussetzen, deren Gefahrenpotenzial erst mit Jahren Verzögerung erkannt wird.»

PFAS sind keine Pestizide, sondern gesundheitsschädigende Industriechemikalien, die sich nicht abbauen lassen. PFAS sind jedoch Bestandteile gewisser Pestizide.
Will man die Sicherheit der Lebensmittel weiter erhöhen, brauche es auch mehr Stichproben seitens der Behörden. Und somit mehr Ressourcen, findet Goldmann.
Der Zürcher Kantonschemiker Martin Brunner sagt jedoch auch, dass Analysen von Produkten die Qualität von Lebensmitteln nicht unmittelbar verbessern. «Vielmehr ist schon bei den Produktionsprozessen auf die Einhaltung der lebensmittelrechtlichen Vorgaben zu achten.»
Schweiz hat grundsätzlich strenge Grenzwerte, aber ...
Die Schweizer Agrarallianz, die sich für die Reduktion des Pestizid-Einsatzes einsetzt, sieht bei den Pestizid-Grenzwerten Verbesserungsbedarf. Sie verweist aber darauf, dass sich die Schweizer Regelungen zunehmend an der EU orientieren.
Geschäftsführerin Rebecca Knoth-Letsch sagt zu Nau.ch: «Die Regulierung von Pestizidrückständen in der Schweiz orientiert sich zunehmend an der EU. Das führt in vielen Fällen zu strengeren Grenzwerten.»
Allerdings gibt sie zu bedenken: «Die Entwicklung spezifischer Grenzwerte ist aufwendig, und oft wird das Gefahrenpotenzial von Stoffen erst spät erkannt.»
Und was empfiehlt sie Konsumentinnen und Konsumenten? «Wer sich vor Pestizidrückständen schützen will, sollte auf Labelprodukte wie Demeter, Bio-Knospe oder IP-Suisse setzen», sagt Knoth-Letsch.
Diese unterliegen strengeren Richtlinien und enthalten deutlich weniger Rückstände als konventionelle Produkte.