Bundesrat will Pestizid-Regeln wieder lockern – trotz hoher Werte
Die Gewässer im Mittelland sind stark von Pestizidrückständen belastet. Trotzdem plant der Bundesrat nun, die Pestizid-Vorschriften gelockert werden.

Das Wichtigste in Kürze
- Befunde zeigen, dass Gewässer im Mittelland stark von Pestizidrückständen belastet sind.
- Der Bundesrat plant derweil, die Vorschriften diesbezüglich zu lockern.
- Das sorgt bei Umweltorganisationen für Kritik.
Die Schweiz sieht sich als Wasserschloss Europas und ist stolz auf ihre sauberen Flüsse und Seen. Doch Untersuchungen zeigen, dass die Gewässer im Mittelland stark mit Pestizidrückständen belastet sind.
Laut der eidgenössischen Wasserforschungsanstalt (Eawag) wurden die Grenzwerte in mehr als der Hälfte der Messstellen überschritten. Insbesondere in kleineren und mittelgrossen Flüssen sind die Werte hoch.
Umweltorganisation kritisiert Pläne zur Lockerung
Trotz dieser alarmierenden Befunde plant der Bundesrat, die Vorschriften zu lockern, anstatt sie strenger durchzusetzen. Bisher galt: Wenn ein Pestizid an 10 % der Messstellen über dem Grenzwert liegt, wird seine Zulassung überprüft.
Diese Schwelle soll nun auf 20 Prozent angehoben werden. Das sorgt für Kritik von der Umweltorganisationen 4Aqua. Geschäftsführer Georg Odermatt warnt gegenüber der «NZZ am Sonntag», dass viele dieser Stoffe langlebig und schädlich für Mensch und Natur sind.
«4Aqua ist erstaunt über den Entscheid des Bundesrats. Wir sind überzeugt, dass das nicht im Interesse der Bevölkerung ist», meint Odermatt.
Der Bundesrat begründet die Lockerung mit den Herausforderungen der Landwirtschaft. Durch den Entzug vieler Pflanzenschutzmittel gebe es weniger Möglichkeiten, Ernten zu schützen, was zu Ernteausfällen und einer verringerten Nahrungsmittelproduktion führe.
«Der Bundesrat hat eingesehen, dass Handlungsbedarf besteht, das freut mich», sagt Mitte-Nationalrat Leo Müller zur «NZZ».
Massnahmen durch Rösti gelockert
Eine Gruppe von bäuerlichen Parlamentariern, angeführt von SVP-Nationalrat Hans Jörg Rüegsegger, setzt sich aktiv für diese Lockerungen ein. Unterstützt wird sie von weiteren Politikern mit engen Verbindungen zur Landwirtschaft, darunter FDP-Ständerätin Johanna Gapany.

Sie trat 2024 in den Verwaltungsrat der Agrargenossenschaft Fenaco ein. Sie argumentieren, dass die Pestizidbelastung künftig nach EU-Standards gemessen werden sollte, was eine Abschwächung der bestehenden Regeln bedeuten würde.
Vier Jahre nach der Abstimmung über die Trinkwasserinitiative hat sich die politische Stimmung deutlich gewandelt. Mit Albert Rösti als Umweltminister setzt der Bundesrat nun andere Prioritäten. Zudem werden Massnahmen gelockert, die zuvor als Fortschritt im Gewässerschutz gefeiert wurden.