Iran-Experte sieht keine Revolution kommen
Der iranische Ex-Kornprinz sprach von einem Kollaps der iranischen Regierung. Ein Professor der Uni Basel wiederum sieht darin mehr Wunschdenken als Fakt.
Das Wichtigste in Kürze
- Der iranische Ex-Kronprinz sieht eine Revolution im Iran kommen.
- Iran-Experte Maurus Reinkowski widerspricht ihm.
- Dazu sei die Regierung deutlich zu wenig isoliert.
Während sich die Situation im Iran vorerst leicht entspannt hat, goss gestern Donnerstag der iranische Ex-Kronprinz neues Öl ins Feuer. Reza Pahlavi, der im amerikanischen Exil lebt, sagte, ein Umsturz im Iran sei nur «eine Frage der Zeit». Es fehlten nur «einige Wochen oder Monate», bis es im Iran zum «finalen Kollaps» kommen werde, so der Exil-Iraner. Er ist der Sohn des ehemaligen iranischen Schah Mohammad Reza Pahlavi.
Nau.ch hat bei Maurus Reinkowski von der Universität Basel nachgefragt, was er von Pahlavis Aussagen hält. Reinkowski lehrt und forscht am Seminar für Nahoststudien.
Der Iran-Experte bezeichnet die aktuelle Lage als «unübersichtlich». Nach der Tötung Kasem Soleimanis am 3. Januar kam es im Iran zu Kundgebungen gegen die USA. Doch der versehentliche Abschuss des ukrainischen Passagierflugzeugs wiederum mobilisierte regierungskritische Kreise, die offen gegen die Machthaber demonstrierten.
«Finaler Kollaps» der Regierung ist Wunschdenken
Zu Pahlavis Aussage eines «finalen Kollaps» sagt Reinkowski: «Da ist wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens.» Zwar sei ein Kollaps nicht undenkbar, jedoch stünde die Elite des Landes nach wie vor eng zusammen. Reinkowski: «Wir sehen keine Absatzbewegungen einzelner Teile der Elite von dem gemeinsamen und für die Nutzniesser lohnenden Projekt einer Islamischen Republik Iran.»
Gerade im Gegensatz zur iranischen Revolution in den Jahren 1978 und 1979 gebe es einen bedeutenden Unterschied: Damals waren der Schah Pahlavi und seine Umgebung letztlich vollständig isoliert. «Unterschiedlichste Bevölkerungsgruppen und politische Strömungen stellten sich gemeinsam gegen den Schah», so Reinkowski.
Aktuell sei die Lage kaum zu vergleichen. Die iranische Revolution sei eine «Revolution, die dann aber ab 1979 auf eine islamische Revolution» verengt wurde. Weiter: «1979 ist eine der wichtigsten Wegmarken in der Geschichte des politischen Islams und der Selbstbehauptung der islamischen Welt gegenüber dem Westen.»
Proteste könnten Veränderung herbeiführen
Doch was bräuchte es, damit in der islamischen Republik Iran die Bevölkerung mehr Demokratie erhält? Der Iran besetzt beim Demokratie-Index von der «Economist Intelligence Unit» den 150. Platz von 167 und gilt damit als autoritär.
Reinkowski: «Eine Demokratisierung des Landes ist nicht vorstellbar, ohne dass die jetzigen wirklichen Machthaber, das Bündnis aus religiösen Rechtsgelehrten und Revolutionswächtern ihr Machtmonopol aufgeben.»
Dies könne in Teilen der Fall sein, wenn die Proteste «mit grossem Nachdruck» weitergingen. Die wahrscheinlichste Variante seien dann formelle Zugeständnisse.
Dass die kommenden Parlamentswahlen im Februar etwas ändern würden, hält der Iran-Experte für unwahrscheinlich. Die Auswahl der Kandidaten und der Wahlvorgang würden streng kontrolliert.
Es gibt laut Reinkowski jedoch ein «Aber»: «Der nahe Termin selbst könnte Anlass sein für die Fortführung, bzw. das Wiederaufflammen der Proteste.» Diese könnten dann doch wieder Druck aufbauen und eine leichte Veränderung herbeiführen.