«Ausreichend»? Beizen geben nur 90 Minuten Zeit zum essen
Immer mehr Restaurants setzen auf Time-Slots für Reservierungen – auch in ländlichen Regionen. Doch reichen 90 Minuten für ein entspanntes Dinner?

Das Wichtigste in Kürze
- Time-Slots in Restaurants sind in Schweizer Städten und Skigebieten üblich geworden.
- Experten erwarten, dass sich die Praxis in urbanen Gebieten weiter ausbreitet.
- «Viele Gastronomen kommen mit einem Seating nicht mehr auf die Rechnung», sagt ein Kenner.
Nau.ch-Leser Ramon B.* staunt nicht schlecht: Er reserviert beim bekannten Burger-Restaurant «Hans im Glück» in Oftringen AG einen Tisch.
Die Reservierungsbestätigung folgt umgehend. Dort ist vermerkt: «Der Tisch ist von 19 Uhr bis 20.30 Uhr für Sie reserviert.» Also eineinhalb Stunden.
Tisch muss nach Ablauf der Zeit frei sein
Was danach passiert, wird Ramon beim Betreten des Lokals mitgeteilt.
«Um 20.30 Uhr kommen neue Gäste», erklärt die freundliche Kellnerin. «Spätestens dann müssen Sie Ihren Tisch freigeben.»

Die Reservierung von sogenannten Time-Slots kommt immer häufiger vor. In Hotspots wie Zürich oder auch in stark frequentierten Skigebieten werden Tische pro Abend schon länger mehrfach vergeben.
Nun beginnen aber auch Restaurants in ländlicheren Gegenden, Tische nur noch für bestimmte Time-Slots zu reservieren.
«Reservierung von Time-Slots ist bei uns üblich»
Der Grund sei: «Um möglichst vielen Gästen ein schönes Erlebnis zu ermöglichen, ist die Reservierung von Time-Slots in unseren Restaurants üblich.» Das schreibt «Hans im Glück» auf Anfrage von Nau.ch.
Die Zeitangabe diene dabei als Orientierung. «Selbstverständlich weisen wir niemanden hinaus, wenn genügend freie Tische verfügbar sind.»
90 Minuten für Vorspeise, Hauptgang und Dessert – ist das überhaupt machbar? «Unsere Erfahrung zeigt, dass 90 Minuten in der Regel ausreichend sind, um entspannt zu geniessen», meint das Unternehmen.
Der Branchenverband GastroSuisse hat im Jahr 2022 zum letzten Mal eine Erhebung zu diesem Thema gemacht. Auf Anfrage von Nau.ch schreibt der Verband: «Damals gaben 29,1 Prozent der Befragten an, dass sie einen Sitzplatz am Abend mehrfach belegen.»
Keine Empfehlung vom Branchenverband
GastroSuisse weiss: «Die Betriebe, welche abends Sitzplätze mehrfach belegen, verzeichneten im Jahr 2021 durchschnittlich eine um 15 Prozent höhere Auslastung.»
Ob diese höhere Auslastung Ursache oder Folge der Mehrfachbelegung ist, sei nicht eruiert worden.
Grundsätzlich gibt GastroSuisse den Restaurants keine Empfehlung ab bezüglich Time-Slots. «Ob eine Mehrfachvergabe sinnvoll ist, hängt mitunter vom Restaurantkonzept, von der Belegung und von der Kostenstruktur ab.»
Klar ist dagegen: Die Praxis der Time-Slots lässt sich regional zuordnen. «Sie ist in den Städten am weitesten verbreitet ist, gefolgt von Ausflugszielen und Bergregionen.»
Peter Herzog ist Gastroexperte und sitzt unter anderem im Verwaltungsrat bei der Zürcher Gastrofamilie Bindella.
Er sagt: «Grundsätzlich verstehe ich die Slots. Sie sind letztlich der Wirtschaftlichkeit geschuldet. Viele Gastronomen kommen mit einem Seating nicht mehr auf ihre Rechnung.»
Herzog denkt, dass die Zahl der Betriebe mit Time-Slots in Zukunft zunehmen wird. «Vor allem an Standorten, die starke Peaks haben.» In ruhigeren Gegenden dürfte man dagegen beim alten Regime bleiben.
«Zwei Stunden sind absolut genügend»
Reichen denn die Time-Slots für ein gemütliches Abendessen? «Ich finde, dass zwei Stunden absolut genügend sind», sagt Herzog. «Voraussetzung ist natürlich, dass der Service speditiv ist.»
Das war bei Ramon B. der Fall. Um 20.20 Uhr war die Gruppe mit dem Essen fertig, der Tisch nach dem Bezahlvorgang pünktlich geräumt.
Den «Absacker» nach dem Essen genossen die vier Freunde dann aber lieber in der benachbarten Bar.
* Name von der Redaktion geändert