Wer die Sprache nicht kann, soll separat beschult werden!
«Schulen sollten Kinder mit geringen sprachlichen Kompetenzen separat beschulen», findet Inklusionsberaterin Clarita Kunz in ihrer Kolumne.

Das Wichtigste in Kürze
- Fremdsprachige Kinder sollten in lernzielbefreiten Integrationsklassen beschult werden.
- Schulische Heilpädagogen fördern zurzeit auch Kinder, die sprachliche Probleme haben.
- Das sei aus pädagogischer und ökonomischer Sicht eine Katastrophe, findet Clarita Kunz.
Wegen unzureichender Deutschkenntnisse schreiben neu zugezogene Kinder schlechte Noten. Diese Verflochtenheit ist fatal!
Es ist ein Fakt: Einwandererkinder sind das grösste Problem der Schule. Aber auch das Umgekehrte ist richtig: Die Schule ist das grösste Problem der Einwandererkinder!
Schulen sollten Kinder mit geringen sprachlichen Kompetenzen separat beschulen.

Fremdsprachige Kinder sollten wie in Berlin oder in den Niederlanden in lernzielbefreiten Integrations- oder Willkommensklassen – von Kindern mit Lern- und Verhaltensstörungen getrennt – beschult werden.
Verschleuderung von Steuergeldern
Derzeit sind fremdsprachige und Kinder mit Problemen gleichermassen therapiebedürftig. Schulische Heilpädagoginnen und Heilpädagogen fördern auch Kinder, die lediglich sprachliche Probleme haben.
Das ist aus pädagogischer und ökonomischer Sicht eine Katastrophe. Und eine unnötige, ineffiziente Verschleuderung von Steuergeldern, die darüber hinaus betroffene Lernende benachteiligt und entmutigt.
Integrationsklassen als Lösung
Um diesen Missstand zu umgehen, haben die Niederlande oder Berlin sogenannte Willkommens- oder Integrationsklassen eingeführt.
Surinam war bis 1975 eine niederländische Kolonie und unterhält nach wie vor enge Beziehungen zu seiner ehemaligen Kolonialmacht. Die Amtssprache ist Niederländisch.
Doch 50 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner sprechen Kreolisch oder Portugiesisch. Dementsprechend haben sie sprachliche Probleme, wenn sie in die Niederlande einwandern.
Anstatt neu zugezogene Kinder sogleich in den Regelunterricht zu integrieren, werden sie in Integrationsklassen aufgenommen, in denen sie von Lernzielen befreit Holländisch lernen.
Sobald die Sprachkenntnisse ausreichen, werden sie in Regelklassen aufgenommen, in denen sie staatlich vorgegebene Lernziele erreichen müssen.
Manche Kinder lernen schnell und verlassen Willkommensklassen bereits nach wenigen Monaten wieder. Andere brauchen länger. Das Angebot gilt längstens für 12 Monate.
Danach werden alle dem ordentlichen, nach Jahrgängen sortierten Unterricht zugeteilt.

Keine «Du-bist-dumm»-Stempel
Kinder mit sprachlichen Problemen gelten so nicht mehr als im schulischen Sinne dumm und benötigen keine teuren Therapielektionen.
Und wenn Eltern nach wenigen Monaten entscheiden, wieder zurück nach Surinam oder anderswohin zu ziehen, tragen ihre Kinder keinen «Du-bist-dumm»-Stempel, weil diese Lerninhalte aufgrund von fehlenden Sprachkenntnissen nicht verstanden haben.
Die Bemühungen der Lehrpersonen und der finanzielle Aufwand des Staates sind in den Niederlanden und in Berlin wesentlich geringer als in Ländern, die versuchen, fremdsprachige Neuankömmlinge auf Biegen und Brechen mit Einzelsprachlektionen und von Schulischen Heilpädagogen vorgenommenen, teuren Förderungen sogleich in Regelklassen zu integrieren.
Wer Unterrichtssprache nicht beherrscht, ist überfordert
Auch die liberale Partei FDP findet, man sollte die Installation von Integrationsklassen prüfen.
In ihrem Positionsbericht zum Thema «Volksschule am Anschlag» steht: «Kinder, welche die Unterrichtssprache (noch) nicht beherrschen, sind oft überfordert und beanspruchen die erhöhte Aufmerksamkeit der Lehrpersonen, so dass weniger Ressourcen für die anderen Kinder übrigbleiben und der Regelunterricht zu kurz kommt.»
Bevor fremdsprachige Kinder in die Volksschule eintreten, sei der Fokus deshalb konsequent auf das Erlernen der lokalen Sprache zu setzen. Auch Sonderklassen, die sich zunächst ausschliesslich auf den Spracherwerb konzentrieren, seien zu prüfen.
«Eltern von fremdsprachigen, in der Schweiz geborenen Kindern werden begleitet und ermutigt, mitzuhelfen, dass ihr Kind die Sprache vor dem Eintritt in die Volksschule lernt.»
Das Ziel laut FDP: «Kinder, die am Regelunterricht teilnehmen, sollen die Unterrichtssprache verstehen. Dies ist eine zwingende Voraussetzung für die Herstellung der Chancengerechtigkeit.»
Zur Person: Clarita Kunz ist Pädagogin, Autorin («Schule als Leistungsbremse») und Inklusionsberaterin.