Burnout-Bauern lassen sich nicht helfen
Finanzielle Sorgen, Arbeitsdruck, Administrativ-Kram: Immer mehr Bauern geraten psychisch an ihre Grenzen. Ein neues Netzwerk soll frühzeitig Hilfe bringen.

Das Wichtigste in Kürze
- Finanzielle Sorgen und Überlastung führen bei vielen Bauern zu psychischen Problemen.
- Viele Betroffene holen sich keine Hilfe, weil sie sich unverstanden fühlen.
- Ein neues Projekt will mit geschulten Vertrauenspersonen frühzeitig Hilfe vermitteln.
Die Zahl lässt aufhorchen: Fast jeder fünfte Bauer in Schweden leidet unter Depressionen. Das ergab eine Studie im Auftrag der Landwirtschaftsbehörde in Stockholm.
Eine neue Gesundheitsstrategie soll die Zahl der Arbeitsunfälle senken und den Dialog über psychische Gesundheit in der Branche fördern. Die schwedische Regierung stellt dafür umgerechnet 4,3 Millionen Euro bereit.
Alarmierende Tendenzen zeigen sich auch in der Schweiz: Laut einer Agroscope-Studie von 2017 ist der Anteil Burnout-Betroffener in der Landwirtschaft doppelt so hoch wie in der übrigen Bevölkerung.
Zu den grössten Risikofaktoren zählen demnach die finanzielle Situation, Freizeitmangel, Zeitdruck sowie die enge Verflechtung von Arbeit und Familie. Zudem werden administrative Aufgaben und rechtliche Vorschriften als belastend angesehen.
«Ein, zwei schlechte Jahre führen zu prekären Verhältnissen»
Für Sandra Helfenstein vom Schweizer Bauernverband (SBV) ist klar: «Die psychische Belastung ist seit der Studie sicher nicht gesunken, sondern eher gestiegen.»
Besonders 2023 und 2024 seien für die Betriebe auch wirtschaftlich schwierige Jahre gewesen. «Und finanzieller Druck erhöht den Stress.»
Die Gründe für die hohe Belastung seien vielfältig. «Als Bauer ist man selbstständiger Unternehmer. Da braucht es auch Managerfähigkeiten, die nicht jedem gegeben sind, der den Hof übernimmt», erklärt Helfenstein.
Während der ökonomische Druck hoch sei, würden sich die Einkommen auf vergleichsweise tiefem Niveau bewegen. «Ein, zwei schlechte Jahre führen da schnell zu prekären finanziellen Verhältnissen.»
Mehrere Generationen auf Hof – das gibt «Konflikte»
Besonders betroffen seien junge Bäuerinnen und Bauern. «Sie sind nach der Betriebsübernahme oft stark verschuldet. Der wirtschaftliche Erfolgsdruck ist bei ihnen also besonders hoch.»
Hinzu komme, dass oft mehrere Generationen eng zusammen wohnen und arbeiten. «Das geht nicht immer ohne zwischenmenschliche Konflikte», weiss die studierte Agronomin.
Viele Betroffene neigten dazu, Überforderung als Schwäche zu sehen – und versuchten, sie zu verdrängen. «Sie arbeiten einfach noch mehr.»
Oftmals suchen sie also keine Hilfe.
Bauern haben oft Hemmungen, über Gefühle zu reden
Dabei gäbe es professionelle Anlaufstellen zuhauf – vom bäuerlichen Sorgentelefon über kantonale Beratungen bis hin zu technischen Betriebshelferdiensten.
Warum diese Angebote kaum genutzt werden, hat eine Online-Umfrage der Ostschweizer Fachhochschule OST im Jahr 2021 aufgezeigt.
«Häufig herrscht ein grosses Misstrauen gegenüber den Beratungsangeboten – leider unbegründet», sagt Studienleiter Stefan Paulus zu Nau.ch.
Das habe vor allem damit zu tun, dass die Beratenden aus Sicht der Betroffenen nicht die «gleiche Sprache» sprechen.
Will heissen: Sie sind selber nicht Bäuerinnen oder Bauern und teilen daher nicht dieselben Erfahrungen.
Hinzu komme die teils eingeschränkte Erreichbarkeit der Beratungsdienste sowie – besonders bei Männern – Hemmungen, über Gefühle zu sprechen.
Was Paulus ebenfalls festgestellt hat: «Betroffene nehmen die eigene Erschöpfung erst viel zu spät wahr.»
Früherkennung wichtig
Im Rahmen künftiger Angebote soll deshalb ein Netzwerk mit sogenannten Brückenpersonen entstehen: Menschen, die einen guten Draht zum Betrieb haben und zwischen diesem und den Beratungsangeboten vermitteln.
«Das können beispielsweise Kontrolleure, Tierärzte, Treuhänder oder Futtermittelverkäufer sein», erklärt Paulus.

Die in einer Weiterbildung geschulten Vertrauenspersonen könnten drohende Krisen bei ihren langjährigen Klienten frühzeitig erkennen. Und so die Hilfe überhaupt ins Rollen bringen.
Denn: Im Anfangsstadium kann ein Burnout noch relativ einfach und ambulant behandelt werden.
Ein stationärer Aufenthalt habe dagegen zur Folge, dass die übrigen Familienmitglieder zusätzliche Aufgaben übernehmen müssen und überlastet werden, mahnt Paulus: «Dann ist der betriebliche Schaden gross.»
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Brauchst du Hilfe?
Bist du selbst in der Landwirtschaft tätig und hast mit psychischen Problemen zu kämpfen?
Das Bäuerliche Sorgentelefon hört dir unter 041 820 02 15 zu. Du kannst dich unter [email protected] auch per E-Mail beraten lassen.