Experte: 38-Stunden-Woche der SP ist «Linkspopulismus»

Nicola Aerschmann
Nicola Aerschmann

Bern,

Die SP will mit einer kürzeren Arbeitszeit freiwilliges Engagement fördern. Ein Experte hält die Idee für wenig überzeugend. Auch die Arbeitgeber sind kritisch.

SP
Das SP-Co-Präsidium aus Mattea Meyer und Cédric Wermuth. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Weniger Arbeit, dafür mehr soziales Engagement: Dieses Ziel hat ein neuer SP-Vorschlag.
  • Ein Experte ist kritisch, ob die geforderte 38-Stunden-Woche die gewünschte Wirkung hätte.
  • Die Arbeitgeber sprechen sich auch gegen die sozialdemokratische Idee aus.

Die SP will die Höchstarbeitszeit pro Woche von 45 auf 38 Stunden reduzieren. Darüber berichtete am Wochenende der «SonntagsBlick». Die Idee soll demnach als Gegenvorschlag zur Service-Citoyen-Initiative dienen, die einen verpflichtenden Bürgerdienst für alle vorsieht.

Am 24. Februar werde das Anliegen in der Sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrats eingebracht, heisst es.

Mehr Freizeit würde laut SP mehr Engagement bringen

Der Gedanke der Sozialdemokraten: Die so gewonnene Freizeit würden die Menschen dann in freiwilliges Engagement investieren. Damit bräuchte es keine Ausweitung der Dienstpflicht mehr.

Andrea Zryd
SP-Nationalrätin Andrea Zryd. - zVg

«Viele würden gerne mehr zur Gesellschaft beitragen, wenn sie die Zeit dafür finden würden», sagt SP-Nationalrätin Andrea Zryd. Als mögliche Vorbilder nennt die Bernerin die nordischen Länder. Sportklubs finden dort laut ihr beispielsweise viel einfacher Freiwillige.

Psychologe sieht SP-Argumentation kritisch

Wirtschaftspsychologe Christian Fichter sieht diese Argumentation kritisch, wie er gegenüber Nau.ch erklärt.

Die These, dass man sich bei kürzerer Arbeitszeit eher freiwillig engagiert, sei zwar plausibel. Aber die Zeit sei nicht der einzige Faktor. «Aus der Forschung wissen wir, dass es vor allem Sinnhaftigkeit, Anerkennung und Flexibilität sind, die freiwilliges Engagement fördern.»

Christian Fichter
Wirtschaftspsychologe Christian Fichter kritisiert den Skipässe-Trend. Dies in Bezug auf Preise, sozialen Druck und Verpflichtungen. - FSP

Dazu komme, dass die reduzierte Arbeitszeit nicht zwingend weniger Stress bedeuten würde. Fichter erklärt: «Wenn in 38 Stunden dieselbe Arbeit erledigt werden muss wie vorher, so erhöht dies den Stress und mindert die Lust auf freiwilliges Engagement.»

Weiter wären die wirtschaftlichen Folgen einer solchen Arbeitszeitverkürzung gross. Man könne zwar die Arbeitszeit senken, wenn die Produktivität steige. «Aber von heute auf morgen sieben Stunden weniger bricht unserer Wirtschaft das Genick», ist für Fichter klar. Die 38-Stunden-Woche sei «Linkspopulismus» und «viel zu radikal».

Arbeitgeber lehnen Initiative und Gegenvorschlag ab

Stefan Heini vom Schweizerischen Arbeitgeberverband (SAV) betont gegenüber Nau.ch zunächst, dass es jeder Person freistehe, Teilzeit zu arbeiten. Dazu dürfen die Unternehmen bereits eine tiefere Sollarbeitszeit einführen, wenn sie das wollen.

Gleichzeitig warnt der SAV vor den Folgen einer gesetzlich verordneten 38-Stunden-Woche. Die Massnahme hätte eine deutliche Lohnerhöhung für die Arbeitnehmenden zur Folge. Dies würde die Unternehmen unter Druck setzen.

Zudem müsste man aufgrund der kürzeren Arbeitszeit zusätzliches Personal einstellen. «Was mit der aktuellen Lage auf dem Arbeitsmarkt ein äusserst schwieriges Unterfangen wäre», so Heini. «Die Gefahr, dass Aufträge nicht fristgerecht oder gar nicht ausgeführt werden könnten, wäre entsprechend gross.»

Der Verband spricht sich auch gegen die Service-Citoyen-Initiative aus. Ein solcher Bürgerdienst würde dem Arbeitsmarkt doppelt so viele Arbeitskräfte entziehen. Zudem könnte ein solcher Dienst potenziell gering qualifizierte Arbeitskräfte teilweise verdrängen.

Was hältst du von einer 38-Stunden-Woche?

Sprich: Der SAV unterstützt weder die Initiative noch den SP-Gegenvorschlag. «Die Arbeitgeber lehnen beides ab. Beides verschärft das ohnehin bereits akute Problem des Arbeitskräftemangels und schadet dem Wohlstand in der Schweiz.»

Die Befürworter der Service-Citoyen-Initiative argumentieren, dass das Milizsystem für die Schweiz wichtig sei. Allerdings verliere es an Boden. Deshalb bräuchte es nun einen solchen Bürgerdienst. «So setzen sich alle jungen Menschen vielfältig für die Gemeinschaft ein», heisst es auf der Seite der Initianten.

Psychologe: Anreize könnten soziales Engagement attraktiv machen

Welche Massnahmen gäbe es sonst, um freiwilliges Engagement zu fördern?

Statt einer 38-Stunden-Woche spricht sich Wirtschaftspsychologe Fichter dafür aus, mit Anreizen zu arbeiten. «Wir müssen einen Rahmen schaffen, in dem freiwilliges Engagement und der Dienst an der Öffentlichkeit als verdienstvoll erachtet und entsprechend honoriert werden.»

Freiwilligenarbeit
Freiwilligenarbeit ist wichtig für eine Gemeinschaft. - keystone

Mediale Aufmerksamkeit, Steuererleichterungen oder flexible Arbeitszeitmodelle seien diesbezüglich mögliche Instrumente.

Der Mensch sei ein soziales Wesen und die soziale Einbettung in eine Gemeinschaft seit Jahrtausenden wichtig. «Dazu gehört auch, dass wir uns sozial engagieren. Das kann und muss kultiviert werden», sagt Fichter.

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Kommentare

User #1894 (nicht angemeldet)

Wenn die zwei mal richtig arbeiten würden, gibts es auch weniger Negativ Kommentare. Aber das haben sie (insbesonders Wermuth) noch nie gemacht.

User #1507 (nicht angemeldet)

Es ist schon seltsam... Wenn die Menschen immer älter werden, muss man deswegen mehr arbeiten. Wenn aber die Produktivität in den letzten Jahrzehnten massiv gestiegen ist, man also immer mehr Arbeit in immer kürzerer Zeit erledigen kann, darf das keinen Einfluss auf die Arbeitszeit haben. Mehr Wohlstand hat der Durchschnittsschweizer auch nicht. Wir arbeiten faktisch immer mehr, ohne mehr zu erhalten. Da kann man sich mal fragen, wo die ganze zusätzliche Wertschöpfung hinfliesst... Wir knechten uns freiwillig, nur damit die Reichsten unbegrenzt reicher werden können, ohne dass es für den Rest irgendeinen Unterschied macht.

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