Kinderwagen und Rollatoren werden im ÖV zur Falle
Immer wieder kommt es in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu Unfällen, in die Kinderwagen und Rollatoren verwickelt sind. Vielen ist die Gefahr nicht bewusst.
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Das Wichtigste in Kürze
- Im Schweizer ÖV gibt es immer wieder Unfälle mit Kinderwagen und Rollatoren.
- Die Gefahr ist vielen Personen zu wenig bekannt.
- Nun versuchen die ÖV-Betriebe ihre Fahrgäste zu sensibilisieren.
Wer regelmässig Bus oder Tram fährt, sieht es immer wieder: gefährliche Situationen während der Fahrt, in die ein Rollator oder ein Kinderwagen involviert ist.
Konkret: Ältere oder gehbehinderte Menschen, die sich – ohne sich festzuhalten – auf ihre Gehhilfe setzen.
Kinder, die unbeaufsichtigt im Kinderwagen gelassen werden. All das, während der Bus oder das Tram sich durch den Strassenverkehr schlängelt.
Das führt nicht nur zu brenzligen Situationen, sondern auch zu teils schweren Unfällen.
Kinderwagen und Rollatoren kippen bei Bremsmanövern um
So berichtet die 26-jährige Nau.ch-Leserin Paola E.* von einem Unfall im Bus, den sie miterlebt hat: «In einer scharfen Kurve ist ein Kinderwagen mitsamt Kind umgekippt. Das Kind rollte dann über den Fussboden und die Treppe hinunter bis zur Tür.»
Und auch der 27-jährige Nau.ch-Leser Marcus R.* weiss von einem solchen Unfall: «Ein Verwandter von mir ist mit seinem Rollator gestürzt, als ein Bus stark bremsen musste.»
Der Familienangehörige hatte zwar die Bremsen seiner Gehhilfe angezogen. Aber: «Er hat sich statt auf einen Sitzplatz auf den Rollator gesetzt und sich dabei nicht festgehalten.»
Keine Einzelfälle.
«Immer wieder Unfälle»
Ben Küchler von Postauto sagt zu Nau.ch: «Es gibt immer wieder Unfälle mit nicht abgesicherten Kinderwagen und Rollatoren. Seit 2020 wurden uns vier Unfälle mit Rollator und drei mit Kinderwagen gemeldet.»
Und auch die Berner und die Basler ÖV-Betriebe bestätigen Unfälle, in die ein Rollator oder Kinderwagen involviert waren.
Rolf Meyer von Bernmobil, erklärt: «Wir stellen im Alltag leider immer wieder fest, dass Rollstühle, Kinderwagen oder auch Rollatoren nicht korrekt platziert werden.»
Dies stelle für die Fahrgäste grundsätzlich eine Gefahr dar.
«Aus dem Kinderwagen geflogen»
Auch die Verkehrsbetriebe Zürich kennen sogenannte Stoppunfälle – also Unfälle aufgrund eines (abrupten) Bremsens. Allerdings würden diese in der Statistik nicht differenziert ausgewiesen, erklärt Sprecherin Judith Setz.
«Aus diesem Grund können wir keine spezifischen Angaben zu Unfällen mit Rollatoren und Kinderwagen machen.»
In der nationalen Ereignisdatenbank tauchen in den letzten zehn Jahren Dutzende Unfälle im Zusammenhang mit Kinderwagen und Rollatoren auf.
Zu lesen dort etwa: «Fahrgast kippte wegen Bremsung vom Rollator» und «Kleinkind ist nach Notbremsung aus dem Kinderwagen geflogen».
Sind die Fahrgäste zu wenig sensibilisiert?
Vielen ist nicht bewusst, «dass es gefährlich ist»
«Ja», sagt Judith Setz von den Verkehrsbetrieben Zürich. «Den Fahrgästen ist oft zu wenig bewusst, dass man im öffentlichen Verkehr stets mit einer Notbremsung rechnen muss.»
Auch Ben Küchler von Postauto meint: «Explizit werden ‹Personen mit Rollator› und Personen mit ‹Kinderwagen› bisher nicht gewarnt. Ich könnte mir vorstellen, dass sie sich nicht bewusst sind, dass es gefährlich ist.»
Rollator-Sitzplatz als einzige Möglichkeit
Auch die Altersorganisation Pro Senectute bestätigt, dass viele ältere Menschen im ÖV auf ihren Rollator sitzen würden.
Laut Sprecher Peter Burri Follath allerdings nicht, weil sie sich der Gefahr nicht bewusst sind. Vielmehr täten sie dies, «wenn keine andere Möglichkeit zur Verfügung steht».
Er findet deshalb, dass eine Sensibilisierung der Fahrgäste wünschenswert wäre. Insbesondere, wenn es darum gehe, älteren Personen einen Sitzplatz anzubieten.
Zudem solle die barrierefreie Gestaltung der Fahrzeuge, «wie etwa tiefer gelegte Einstiege oder spezielle Bereiche für Rollatoren», gefördert werden.
Und: «Das Fahrpersonal könnte dazu ermutigt werden, aktiv auf ältere Personen zuzugehen und Unterstützung anzubieten.»
Senioren erhalten ÖV-Sicherheitstipps
Die verschiedenen ÖV-Betriebe setzen derweil vermehrt auf Sensibilisierungs-Kampagnen zum Thema Sicherheit.
So beispielsweise die Basler Verkehrsbetriebe. Mit ihrer Kampagne «BVB Karma Rider» wollen sie die Fahrgäste für sicherheitsrelevante Themen sensibilisieren. Auch betreffend Rollatoren und Kinderwagen.
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«Unter anderem weisen wir darauf hin, den Kinderwagen sicher im Tram oder Bus zu parkieren. Zudem sollten sich Fahrgäste nicht auf den Rollator, sondern auf einen freien Platz setzen und sich beim Stehen gut festhalten.»
Auch die Verkehrsbetriebe Zürich führen eine Präventionskampagne. Sie bieten zudem Sicherheitskurse an, die sich explizit an Seniorinnen und Senioren richten.
Zu solchen Kursen rät auch Pro Senectute. Peter Burri Follath empfiehlt zudem, beispielsweise nicht während den Stosszeiten zu reisen. Oder andere Passanten um Hilfe zu bitten.
Es sei ausserdem wichtig, «den Rollator sicher zu positionieren» und «die Bremsen anzuziehen», wenn man sich draufsetze.
*Namen der Redaktion bekannt