Schulverweigerer: Externe Begleiter holen sie aus dem Bett
Kinder und Jugendlichen weigern sich zunehmend, in die Schule zu gehen. In Zürich und St. Gallen setzen Begleitpersonen auch direkt im Kinderzimmer an.

Das Wichtigste in Kürze
- Eine Spitex bietet in Zürich und St. Gallen Begleitpersonen für Schulabsentismus an.
- Etliche Schülerinnen und Schüler stehen laut dem Geschäftsführer auf der Warteliste.
- Schuldruck und Mobbing sind oft der Grund, dass die Schule zum Ort des Schreckens wird.
Kinder und Jugendliche scheuen die Schule zunehmend. 2022 fehlten viermal mehr 15-Jährige in der Schule als noch 2012. Dabei waren sie fünf oder mehr Tage abwesend. Dies zeigt eine Pisa-Studie.
Ähnliche Befunde liefert die Gesundheitsbefragung der Stadt Zürich. Sieben Prozent der Mädchen und fünf Prozent der Knaben sind im Schuljahr 2022/2023 mehrmals einen Tag nicht zur Schule gegangen.
Bei den Mädchen hat dieser Anteil im Vergleich zum Schuljahr 2017/2018 zugenommen.
«Finden es cool»
Immer mehr Kinder und Jugendliche schaffen es morgens nur noch mit professioneller Hilfe zur Schule. Diese kann auch direkt im Kinderzimmer ansetzen, wie die «SRF»-Rundschau berichtet.
«Manche finden es cool, wenn sie direkt geweckt werden», sagt Stefan Mielich von der Psychiatrie-Spitex «we.ho».
Die Psychiatriespitex «we.ho» bietet seit 2022 in den Kantonen Zürich und St. Gallen sogenannte Schulabsentismusbegleitungen an.
Spitex sucht «Frühaufsteher»
Rund 15 Schülerinnen und Schüler nähmen diesen aktuell in Anspruch, sagt Geschäftsführer Raimund Hohenberger zu Nau.ch.
«Wir haben etliche Schülerinnen und Schüler auf der Warteliste.» Um die grosse Nachfrage abzudecken, sucht die Psychiatriespitex noch weitere «Frühaufsteher».
Zwischen sechs und acht Uhr morgens wecken die Begleitpersonen, alle Spezialisten aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie, die Schulverweigerer.
Manche sitzen aber auch bereits am Frühstückstisch, wenn die Fachperson da ist. Oft ist ein Hund mit dabei.
Hund ist dabei
«Wir haben in unserem Team über 20 Hunde», so Raimund Hohenberger. Die Tiere seien für den Beziehungsaufbau zwischen Schüler und Begleitperson sehr hilfreich.
Die Vorstellung, dass morgens ein fast fremder Mensch im eigenen Zimmer steht, dürfte abschreckend wirken.
«Wir erwarten natürlich nicht hoch motivierte Kinder», sagt Raimund Hohenberger. Aber eine gewisse Bereitschaft müsse da sein.
Begleitung bis in den Unterricht
Voraus gehen laut Hohenberger mehrere Treffen mit Begleitperson und Hund. «Oder wir setzen auf andere kreative Massnahmen, um die Kinder und Jugendlichen für eine Begleitung zu gewinnen.»
In Gesprächen und bei einem Spaziergang mit dem Hund ermuntern die Spezialisten das Kind, in die Schule zu gehen. Manchmal sitzen sie mit der Schülerin oder dem Schüler auch im Unterricht.
Pro Stunde kostet der Dienst laut Hohenberger im Schnitt rund 120 Franken. Die Grundversorgung und die Gemeinde decken die Kosten ab.
Druck sei in Zürich extrem
Die Klientinnen und Klienten sind zwischen acht und 17 Jahre alt. Es sei ihrem Sohn nicht mehr möglich gewesen, das Schulhaus zu betreten, sagt die Mutter eines Primarschülers in der «Rundschau». «Er hat sich am Zaun draussen festgehalten.»

Was bringt Kinder so weit, keinen Fuss mehr in die Schule setzen zu wollen? «Der zunehmende Leistungsdruck in der Schule ist in den meisten Fällen der Grund», sagt Raimund Hohenberger.
In Zürich sei dieser Druck extrem. «Dazu kommen die Weltgeschehnisse, die Kinder und Jugendliche aus der Bahn werfen.» Auch Social Media, das oft viel Druck ausübe, und familiäre Umstände spielten eine Rolle.
Eltern seien oft zu beschäftigt
In anderen Fällen sind es die Eltern, die dafür sorgen, dass Schülerinnen und Schüler im Unterricht nicht mehr aufkreuzen. «Manche Eltern üben zu viel, andere wiederum zu wenig Druck aus – bis nichts mehr geht», sagt der Geschäftsführer.
Eltern sind laut Hohenberger oft selbst zu sehr mit Alltag und Beruf beschäftigt. «Für sie ist es schwierig, mit dem richtigen Mass zu motivieren.»
«Mit Stöcken verprügelt»
Einige Schulverweigerer sind Opfer von Mobbing. «Ein Siebenjähriger wurde auf dem Schulweg jeden Tag von zwei, drei Kollegen mit Stöcken verprügelt», sagt Hohenberger.
Der Junge habe dies lange für sich behalten. «Erst als die Eltern lauter blaue Flecken an seinen Beinen entdeckten, kamen sie darauf.»
Aktuell arbeitet die Psychiatriespitex «we.ho» mit der Familie im Falle einer 17-jährigen Schulverweigerin an einer Strafanzeige. «Die Schülerin erhielt von mehreren Mitschülerinnen schwere Drohungen, darunter auch Morddrohungen», sagt Raimund Hohenberger.
Gamer als Schulverweigerer
Auch Videospiele führen zu Schulabsentismus. «Diese Klienten spielen Tag und Nacht Shooting-Games und verlieren den Bezug zur Realität komplett», sagt Hohenberger.
Nicht nur müssten sie lernen, wieder zur Schule zu gehen.
«Es geht auch um generelle Dinge, wie zum Beispiel ein ÖV-Ticket lösen.»
Bauchschmerzen und Übelkeit
Schulabsentismus beginnt laut Hohenberger meist schleichend. «Zuerst bleiben diese Kinder und Jugendlichen wegen Bauchschmerzen und Übelkeit oft zu Hause.»
Wenn Eltern die Psychiatriespitex einschalteten, befinde sich das Kind meist schon in der totalen Schulverweigerung.
Bis die Mädchen und Jungen wieder selbständig in die Schule gehen, dauert es unterschiedlich lange. Hohenberger: «Manche brauchen die Begleitung zwei bis drei Wochen, manche mehrere Monate.»