«Toxisch positive» Freunde sorgen für Ärger
Positiv bleiben, wird gerne geraten, wenn man schlecht drauf ist. Doch man kann auch übertreiben. Wo gesunde Positivität aufhört und toxische beginnt.
00:00 / 00:00
Das Wichtigste in Kürze
- Toxische Positivität sorgt für Ärger – über das Phänomen wird aktuell viel diskutiert.
- Damit gemeint ist: Wenn Menschen negative Gefühle nicht akzeptieren wollen.
- Laut einer Expertin ist es aber wichtig, mit allen Emotionen umgehen zu können.
Die Sonne zeigt sich? Nervig, jetzt ist's zu heiss. Es schneit? Auch nicht gut, so werden die Strassen glatt.
Man kennt sie: Menschen, die eigentlich immer alles negativ sehen.
Dass das keine Lebenseinstellung ist, die glücklich macht, liegt auf der Hand. Doch auch das andere Extrem gibt es – und auch das kann schädlich wirken.
Die Rede ist von der sogenannten «toxischen Positivität».
«Denk einfach an etwas Schönes»
In den vergangenen Jahren wird das Phänomen immer häufiger diskutiert – etwa auf Social Media oder in Podcasts.
Tiktok und Co. sind voll mit Comedy-Sketches, Erklärvideos und Kritik zum Thema.
In den Clips machen sich Influencer über Menschen lustig, die keine negativen Gefühle anerkennen wollen – und alles schönreden. Oder sie ärgern sich darüber.
Ein Beispiel: Eine Userin, die an einer chronischen Krankheit leidet, zeigt, wie sie bei jemandem darüber beschwert.
Die Antwort: «Sei nicht so negativ. Denk einfach an etwas Schönes.»
Eine andere ärgert sich auf Tiktok: «Ich hasse Leute, die nicht negativ sein können.» Das fände sie «so kräftezehrend».
Ein weiterer Tiktoker parodiert einen toxisch positiven Freund: «Das Universum wollte, dass du gefeuert wirst. Schliesslich hast du gesagt, du wünschst dir eine Veränderung.»
«Kann sehr problematisch werden»
Was gut gemeint sein kann, kommt also nicht immer gut an. Doch wann ist Positivität eben positiv – und wann wird sie ungesund?
«Wenn ein negatives Ereignis stark verzerrt wahrgenommen wird, so kann das sehr problematisch werden. Gefahren werden übersehen und schlechte Bedingungen kaschiert», erklärt Persönlichkeitspsychologin Astrid Schütz von der Universität Bamberg bei Nau.ch.
Ein Beispiel: «Bleibt ein Mensch jahrelang in einer destruktiven Beziehung und redet sie schön, so ist das ein problematisches Verständnis positiver Haltung.»
Toxische Positivität ist also schädlich.
«Unangenehme Gefühle verdrängen»
Dorothee B. Salchow ist Trainerin und Coach für Positive Psychologie an der Deutschen Gesellschaft für Positive Psychologie.
Sie ergänzt: «Wenn wir beginnen, unangenehme Gefühle zu verdrängen oder anderen nicht mehr zuzugestehen, dann sprechen wir von toxischer Positivität.»

Eine wissenschaftliche Definition für das Phänomen fehlt zwar bislang.
Eine Studie aus 2023 bezeichnete es jedoch als Haltung, bei der Menschen glauben, dass sie immer positiv sein müssen. Selbst in schwierigen oder herausfordernden Situationen.
«Negative Gefühle werden dabei als unerwünscht oder schlecht angesehen», sagt Salchow.
Perfekt-Influencer befeuern toxische Positivität
Sieben-Tage-Fitness-Challenges, Make-Up-Tipps oder Psychologie-Ratschläge: Die sozialen Medien sind voll mit Influencern, die angeblich die besten Selbstoptimierungs-Rezepte haben.
Dieser Trend befeuert toxische Positivität zusätzlich, wie Salchow beobachtet.
Klar: Wer den Anspruch an sich selbst hat, perfekt zu sein, hat vielleicht auch eher Mühe damit, sich unangenehme Gefühle einzugestehen.
Laut Schütz erleben derzeit auch viele Menschen im Beruf Druck, stets «gut drauf» zu sein.
«Allerdings gehören zum Privat- und Berufsleben eben auch Phasen der Trauer oder des Ärgers. Das nicht zeigen zu dürfen, ist zusätzlich emotional belastend.»
Der Druck kommt also nicht nur von Influencern, sondern auch vom Job. Doch all das heisst laut Salchow nicht, dass toxische Positivität heute weiterverbreitet ist als früher.
Es sei auch möglich, dass «wir es nur häufiger erkennen und kritisieren.»
Negative Grundeinstellung ist eher angeboren
Die Expertin gibt aber auch zu bedenken, dass wir laut der Forschung grundsätzlich mit einer Negativitätsverzerrung ausgestattet sind.
Heisst: «Wir haben erst einmal ein Augenmerk darauf, wo die Fehler liegen, was potenziell bedrohlich sein kann. Danach sucht unser Gehirn von ganz alleine – denn das hat unseren Vorfahren das Überleben gesichert!»

Angeboren ist also eher eine zu negative Grundeinstellung. Darum ist es laut der Expertin wichtig, den Fokus auf das zu legen, was gut ist.
«Auf positive Emotionen wie Freude, Gelassenheit, Dankbarkeit, Interesse, Stolz, Hoffnung, Inspiration, Vergnügen, Ehrfurcht oder Liebe.»
Diese positiven Emotionen würden unsere Lösungsfähigkeiten erweitern und uns kreativer machen.
Versteht sich: Solange es nicht ins Extreme kippt – und negative Gefühle nicht mehr zugelassen werden.