Nach Jagd: Schweizer Wildfleisch-Reste landen günstig im Netz
Die Jagd ist auf wenige Wochen im Herbst beschränkt. Langsam leeren sich in Restaurants und Haushalten die Kühltruhen. So steht es um Foodwaste bei Wildfleisch.
Das Wichtigste in Kürze
- Auf «Too Good To Go» gibt es derzeit viele Wildfleisch-Schnäppli.
- Der Betreiber beklagt, dass ein Grossteil des Tieres «oft verschwendet» würde.
- Schweizer Jäger betonen jedoch, dass sie kein Foodwaste-Problem kennen.
Vier Kilo Wild-Delikatessen zum Preis von 100 Franken statt 300: Angebote wie diese gibt es derzeit zuhauf auf der Anti-Foodwaste-App «Too Good To Go». Um Foodwaste zu vermeiden, geben Wildfleischhändler das Fleisch im Netz zu günstigen Preisen ab.
«Auch im Bereich Wildfleisch gibt es viel Foodwaste», schreibt der Wild-Onlineshop «Waldfleisch» dazu. Im Wildhandel würden vor allem Edelstücke nachgefragt. Die Folge: «Der grösste Teil vom Tier wird oft verschwendet.»
Nau.ch weiss: Rund 50 Prozent eines geschossenen Tieres können zur Fleischausbeute verwendet werden. Davon sind rund die Hälfte Edelstücke.
Konsumenten müssen auf Geschmack von Waldjäger und Co. gebracht werden
Auf Anfrage erklärt «Waldfleisch»-Gründer Rafael Biolley: «Bei Wildfleisch werden vor allem Edelstücke wie Rehrücken, Hirschfilet oder Wildschwein-Racks nachgefragt. Der grösste Teil des Tieres ist aber, wie bei jedem Fleisch, nur für Fleischerzeugnisse geeignet.» So entstehe «automatisch» Foodwaste, beklagt er.
Das Jagd-Fleisch stammt nicht aus der Schweiz, sondern aus der Region Haut-Marne in Frankreich.
Gemeinsam mit einem Metzger kreiert er daraus Fleischerzeugnisse wie Fleischkäse, Bratwürste oder Waldjäger. «Man muss die Konsumenten nur auf den Geschmack bringen», ist Biolley überzeugt.
Die Erfahrung bei «Waldfleisch» zeige, dass dies gelingen kann. «Wir verwerten das ganze Tier. Wir werfen nichts weg», sagt er stolz. Was nicht über den Onlineshop verkauft wird, wird via «Too Good To Go» an Konsumenten in vielen Schweizer Städten abgegeben.
Kein Foodwaste bei einheimischer Jagd
Nau.ch hat mit mehreren Jägern gesprochen. Dass im Wildfleischhandel eine Problematik mit Lebensmittelverschwendung bestehen soll, ist ihnen neu.
Auch der Jäger-Dachverband stellt dies in Abrede. «Foodwaste bei Wildfleisch aus einheimischer Jagd ist kein Thema», sagt David Clavadetscher, Geschäftsführer von Jagd Schweiz.
Zwei Drittel des Wildfleisches sei importiert. Vom einheimischen Wildfleisch stammt ein grosser Anteil aus Zuchthaltungen und nicht aus der einheimischen Jagd. Beim Abverkauf von Grossisten könne er sich Foodwaste noch eher vorstellen. «Beispiele sind mir aber keine bekannt.»
Clavadetscher erklärt: «Wir versuchen, möglichst das ganze Tier zu verwerten.» Schweizer Jäger fänden selbst für die Organe Verwendung. Diese würden teilweise getrocknet und zu Futter für die Jagdhunde verarbeitet.
Schweizer Jäger können sich Wildfleischverlust kaum leisten
Foodwaste ergebe allein aus rein wirtschaftlicher Natur keinen Sinn: Die Nachfrage nach Wildfleisch ist laut Clavadetscher so hoch, dass sie allein durch die Schweizer Jagd nicht gedeckt werden kann. Das führe zu einem hohen Kilopreis für Wildfleisch. «Das Interesse ist also unglaublich hoch, kein Gramm verwertbares Wildfleisch zu verschwenden.»
Schliesslich bestünden für die Jagd auch Investitionskosten: «Zuerst einmal müssen wir die Jagdprüfung bestehen, und uns eine Waffe und Ausrüstung anschaffen. Dazu kommt eine Pacht- oder Patentgebühr, die wir für die Jagd entrichten müssen», so Clavadetscher.
Was vorkommen kann, ist Wildfleischverlust durch ungenaue Schüsse, die im «Jagdfieber» abgegeben werden, wie es Jäger gegenüber Nau.ch schildern. «Als Jäger bedauert man dies immer sehr», so Jagdverbands-Geschäftsführer David Clavadetscher.
Damit ungenaue Schüsse eine Ausnahme bleiben, müssen Schweizer Jäger jährlich einen Treffsicherheitsnachweis ablegen.