Skifahrer meiden Pisten – aus Angst vor Anfängern
Abbiegen ohne zu schauen, abruptes Bremsen und Rasen: Immer mehr Skifahrer haben Angst vor Anfängern.
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Das Wichtigste in Kürze
- Anfänger fahren zu schnell, bremsen kurzfristig. Eine Skifahrerin hat drum Angst.
- Sie meidet nun einige Pisten.
- Kürzlich ging ein Video viral, das eine Skifahrerin zeigt, die zwei Anfänger beschimpft.
«Gewisse Pisten sind für mich jetzt tabu.» Skifahrerin Sandra L.* (39) hat genug.
Die Zürcherin verbringt jede freie Minute in den Bergen – doch mancherorts ist es ihr zu gefährlich geworden.
Grund: «Es gibt immer mehr gefährliche Skifahrer. Sie fahren im Stemmbogen kreuz und quer über die Piste. Brettern einem vor der Nase durch.»
Und weiter: «Sie schauen nicht, bevor sie abbiegen. Fahren zu dicht auf, bremsen abrupt.»
Sandra spricht vor allem von Anfängern. «Es gibt immer mehr Unerfahrene, die ihre Ski nicht im Griff haben», findet sie. Diese Saison erlebe sie jeden Tag gleich mehrere solche brenzligen Situationen. «Ich konnte bisher zum Glück noch ausweichen, weil ich eine geübte Fahrerin bin.»
Aus Angst aber meidet die Zürcherin nun gewisse Pisten. «Die, an denen die Anfänger fahren.» Auch wenn dort die Morgensonne besonders schön sei.
Skifahrerin beschimpft Anfänger nach Sturz
Nau.ch-Leserin Sandra L. ist mit ihrer Angst nicht allein.
Kürzlich ging ein Video einer Skifahrerin viral, die zwei Anfänger in Frankreich stoppte. Grund: Daniel Keating und Tom Earing (beide 19) haben ihre Ski nicht im Griff, stürzen auf der Piste.
Sie seien «total schlechte Skifahrer», schimpft die Frau. Den Fahrstil der beiden Briten nennt sie «WC-Sitz-Position». Bei Anfängern ist eine übertriebene Rückenlage weit verbreitet.
Die beiden Teenager seien «verdammt gefährlich für andere Leute», schimpft die offenbar geübte Fahrerin weiter. «Wenn ihr ins Spital wollt, bitteschön. Aber geht auch in die Skischule.»
Suva: Risiko steigt bei Überschätzung
Laut BFU (Beratungsstelle für Unfallverhütung) verletzen sich beim Skifahren jedes Jahr rund 52'000 in der Schweiz wohnhafte Personen.
Wie viele davon Anfänger waren, lässt sich gemäss der BFU nicht eruieren. Mediensprecher Christoph Leibundgut sagt zu Nau.ch: «Das Niveau der Skifahrer wird in den Unfallprotokollen nicht aufgeführt.»
Für Samuli Aegerter, Kampagnenleiter Schneesport bei der Suva, gibt es klare Faktoren, welche das Unfallrisiko auf der Skipiste beeinflussen: «Wenn sich Schneesportler überschätzen oder sie untrainiert auf die Piste gehen, steigt das persönliche Risiko.» Dies sagt er in einer Medienmitteilung.
Tempo wie auf der Autobahn
Auch das Tempo auf Schweizer Skipisten ist gestiegen. Demnach sind 75 Prozent der Skifahrer mit über 50 Kilometer pro Stunde unterwegs. Jeder Fünfte sogar mit über 70 Kilometer pro Stunde.
Die Waghalsigsten überschreiten gar regelmässig 100 Kilometer pro Stunde. «Den Leuten ist oft nicht bewusst, wie schnell sie unterwegs sind und unterschätzen ihr Tempo», so Aegerter gegenüber SRF.
In diesem Punkt gibt Daniel Ammann, Managing Director der Skischule Davos, ihm recht. Zwar sagt er, die Technikkenntnisse entsprechen in den meisten Fällen den gewählten Pisten. Aber auch: «Ich stimme der Suva zu, dass sich viele oft überschätzen und das Tempo zu hoch ist.»
«Skiprüfung» für Pisten?
Vor allem seien sich viele der Stärke des Aufpralls bei einer Kollision nicht bewusst, erklärt Ammann weiter.
Wäre sogar eine Art «Skiprüfung» für Pisten sinnvoll – ähnlich wie eine Fahrprüfung beim Auto? Ammann findet eine obligatorische Prüfung für eine Freizeitaktivität den falschen Ansatz.
«Ich könnte mir jedoch gut vorstellen, dass es ähnlich einem Bademeister eine Kontrollinstanz auf den Pisten gibt.»
Dies könnten laut ihm ausgebildete Schneesportlehrpersonen oder SOS-Personen des Pisten-Rettungsdienstes sein: «Sie müssten die Kompetenz haben, bei grobem Fehlverhalten auch Skitickets einzuziehen.»
Das fände auch Nau.ch-Leserin Sandra L. gut. «Mit dieser Sicherheit könnte ich wieder an allen Hügeln fahren.»