Marko Kovic: Wer Clowns an die Macht bringt, hat den Zirkus!
Kolumnist Marko Kovic schreibt in seiner neuesten Kolumne darüber, wie Populisten uns mit ihrer Inkompetenz ins Chaos stürzen.

Das Wichtigste in Kürze
- Der bekannte Sozialwissenschafter Marko Kovic schreibt regelmässig Kolumnen auf Nau.ch.
- Viele Populisten seien Heuchler, schreibt Kovic.
- Er erklärt uns den «Dunning-Kruger-Effekt», der unter Politikern weit verbreitet ist.
Peter Marks, der oberste Impfbeauftragte der amerikanischen Behörde «Food and Drug Administration» (FDA) wurde aus dem Amt gedrängt. In seinem Rücktrittsbrief erklärte er sein Unbehagen mit seinem neuen (und nun ehemaligen) Chef Robert F. Kennedy Jr.
Dieser sei nicht an der Wahrheit interessiert, sondern wünsche sich eine unterwürfige Bestätigung von Fehlinformation und Lügen.

RFK Jr. ist Gesundheitsminister unter Donald Trump. Und er hat – milde gesagt – kontroverse Ansichten.
Manchmal sind sie vielleicht etwas belustigend: Er glaubt, dass Menschen gesund werden, wenn sie Pommes-Frites und Hamburger essen, die mit Rindertalg anstatt pflanzlichem Öl zubereitet werden.
00:00 / 00:00
Vitamin A als Mittel gegen Masern
Bei vielen seiner Ansichten gibt es aber wenig zu lachen: Zum Beispiel propagiert er seit Jahren die irre Verschwörungstheorie, HIV verursache AIDS nicht.
RFK Jr. glaubt auch, es gebe keine sicheren und wirksamen Impfungen. Das ist ungünstig, weil Texas und New Mexico momentan von einem Masernausbruch geplagt werden. Zwei Kinder sind bereits gestorben.

RFK Jr. empfahl Vitamin A als Mittel gegen Masern. Die Folge: Mehrere Kinder in Texas mussten wegen Vitamin-A-Überdosis und damit verbundenen Leberproblemen behandelt werden.
RFK Jr. ist für sich genommen eine beeindruckend inkompetente Person: Ein Nepo-Baby, das Reichtum und Macht erlangt hat, obwohl es durch Vetterliwirtschaft seit Jahren den Bezug zur Realität verloren hat.
RFK Jr. ist aber kein Einzelfall. Er ist symptomatisch für den intellektuellen Zustand der neuen Populisten: Sie sind laut, sie sind irrational, sie sind unreflektiert. Und sie sind absolut überzeugt, dass sie hochkompetent sind und alles besser können als ausgewiesene Fachpersonen.
In ihrer Kombination aus ideologischem Eifer und eklatanter Inkompetenz reissen sie uns in den Abgrund.
Inkompetenz trifft auf Eifer
Die Rolle von Politik ist, gesellschaftliche Probleme zu erkennen und zu lösen. Zumindest theoretisch. In der Realität ist Politik immer auch von Klientelismus, Opportunismus und Korruption geplagt. Politik ist allzu oft ein dreckiges Geschäft. Wir brauchen uns nichts vorzumachen.
Trotz dieser Probleme kann Politik in einer funktionierenden Demokratie aber halbwegs konstruktiv sein. Nicht alles funktioniert, wie es sollte, aber gleichzeitig läuft auch nicht alles falsch.
Um nur zwei bedeutende Errungenschaften zu nennen: Wir haben es als Weltgemeinschaft geschafft, die Pocken auszurotten. Und wir haben es geschafft, das Ozonloch in den Griff zu kriegen.
Wenn wir uns zusammenreissen, können wir Grosses bewegen.
Lauter als die neuen Populisten ist niemand
Das wird aber immer schwieriger. Die vergangenen rund 15 Jahre waren eine Zeit der Enthemmung der öffentlichen Debatte.
Im heutigen Informationsumfeld erhält Aufmerksamkeit, wer die einfachsten Botschaften am lautesten in die Welt schreit. Die Trumps, die Orbans, die Weidels dieser Welt sind ein Produkt dieser diskursiven Enthemmung. Lauter als die neuen Populisten ist niemand.
Was zeichnet diesen Typus der neuen Populisten aus? Sie sind ideologische Eiferer. Sie propagieren strengen sozialen Traditionalismus. Also eine Rückkehr zu den vermeintlich guten alten Zeiten.
Manche Populisten denken wirklich so, viele sind nur Heuchler. Alice Weidel propagiert die traditionelle Familie als Zusammenschluss von Mann, Frau und Kindern – aber sie selbst lebt in einer homosexuellen Partnerschaft.

Politische Heuchelei, um beispielsweise von wirtschaftlichen Interessen abzulenken (Populisten sind nicht selten sehr wohlhabend oder arbeiten direkt für Superreiche), ist aber nichts Neues.
«Populisten sind inkompetent»
Die neuen Populisten zeichnen sich durch etwas Weiteres aus: Sie sind ausgesprochen inkompetent.

Nicht, weil sie dumm sind. Sie sind grundsätzlich sehr intelligent. Aber sie sind ideologisch und rhetorisch derart überdreht, dass sie massloser Selbstüberschätzung verfallen. Sie sind von unterwürfigen Ja-Sagern umgeben, die alles bejahen und bestätigen. Die neuen Populisten beginnen, ihre eigene Propaganda über sich zu glauben.
Donald Trumps Chaos-Kabinett bestes Beispiel
Donald Trumps Chaos-Kabinett ist das beste Anschauungsmaterial für diese populistische Inkompetenz. Geheime Kriegspläne werden in einem Gruppenchat diskutiert, zu dem auch ein Journalist eingeladen wurde.
Ohne jede Notwendigkeit wird ein Zollkrieg gegen enge wirtschaftliche und politische Partner der USA losgetreten. Mit der Folge, dass sich eine Wirtschaftskrise in den USA anbahnt.
Elon Musk schwingt willkürlich seine DOGE-Axt und entlässt hunderte Spezialisten, die im Bereich der nuklearen Sicherheit arbeiten. Und versucht dann verzweifelt, nachdem Menschen mit klarem Verstand Alarm schlagen und den Irrsinn kritisieren, die Fachpersonen wieder einzustellen.

Und ein durchgedrehter AIDS-HIV-Leugner wird zum Chef einer der grössten und wichtigsten Gesundheits- und Forschungsbehörden der Welt.
Es klingt alles wie ein überlanger, unglaubwürdiger Witz, ist aber bittere Realität.
Populistische Inkompetenz ist nicht nur ein amerikanisches Phänomen. Der ungarische Premierminister Viktor Orban wird in populistischen Kreisen als grosses Vorbild gefeiert.

Ein strahlender Held, der sein Land zu neuem Ruhm führt. Die Realität ist aber eine andere: Viktor Orban hat Ungarn zu einem kleptokratischen Selbstbedienungsladen für die Elite umgebaut.
Eine Gruppe von Oligarchen teilt Macht und Geld unter sich auf. Das (Über-)Leben wird für normale Menschen schwieriger. Die ungarische Wirtschaft stagniert. Viele Menschen verlassen das Land.
Das Volk, das Orban angeblich so wichtig ist, flieht vor ihm und seiner Inkompetenz.
Dunning-Kruger in den Abgrund
Diese besondere Form der Inkompetenz bei einigen Populisten ist in der Psychologie als Dunning-Kruger-Effekt bekannt. Dieser Effekt, wenig Können in Kombination mit viel Selbstüberschätzung, ist nach den Forschern benannt, die den Effekt als erste beschrieben haben.
Menschen, die ausgesprochen wenig können, überschätzen ihre Kompetenz manchmal massiv. Menschen hingegen, die tatsächlich Bescheid wissen, unterschätzen ihre Kompetenz.
Den Dunning-Kruger-Effekt sehen wir jeden Tag
Heute ist so mancher Absolvent der YouTube-Uni felsenfest überzeugt, dass er mehr von Astronomie, Klimatologie, Medizin versteht als Menschen, die sich diesen Themen jahrelang wissenschaftlich widmen. Gut ist der Dunning-Kruger-Effekt nie. Bei mächtigen Politikern ist er verheerend.
Es gibt schematisch vier Arten von Politikern:
Die besten (und vielleicht seltensten) sind kompetent und haben gute Absichten.
Andere sind kompetent, haben aber schlechte Absichten.
Manche Politiker sind zwar inkompetent, haben aber immerhin gute Absichten.
Dann gibt es Politiker, die schlechte Absichten haben und die gleichzeitig inkompetent sind. Wenn Politiker in dieser Kategorie am Dunning-Kruger-Effekt leiden, wie es viele Populisten tun, ist Chaos vorprogrammiert.
Politiker, die ein Minimum an intellektueller Offenheit haben, können ihre Ansichten zumindest ein Stück weit korrigieren und an die Realität anpassen.
Resistent gegen Argumente und Daten
Bei Dunning-Kruger-Populisten funktioniert das nicht: Sie sind gegen Argumente und Daten resistent. Sie machen sich in ihren Köpfen die Welt, wie sie ihnen gefällt, weil sie es ja besser wissen.
Der Schaden, der dadurch entsteht, kann ganz direkt und unmittelbar sein. Wie beispielsweise bei Trumps Gesundheitspolitik oder bei seinem Handelskrieg gegen Windmühlen.
Das ist aber erst ein Vorgeschmack. Die Welt steht vor so grossen Herausforderungen wie nie. Egal, ob Konflikte, Klimawandel oder künstliche Intelligenz: Dunning-Kruger-Populisten sind die schlimmstmöglichen Politiker, um diese Probleme in den Griff zu kriegen.
Sie werden den Bogen natürlich überspannen. Irrationale Selbstüberschätzung und ideologischer Eifer wurden bisher immer von der Realität eingeholt.
Bis es soweit ist, werden wir aber noch sehr viel Leid und Chaos erleben.
Zum Autor: Marko Kovic ist Gesellschaftskritiker. Er interessiert sich für gesellschaftlichen Wandel und die Frage, ob wir noch zu retten sind. Er lebt in Uzwil SG.